Kinder brauchen nicht besonders lange, um zu lernen, was ihre Mütter vom Vater halten. Mit dem Namen kommt das Gefühl – das weiß jeder Entwicklungspsychologe, und das weiß jede Mutter, die sich im Kaffeekränzchen ausgiebig über ihren Ex ausgelassen hat, während ihr Dreijähriger still daneben saß und scheinbar gar nicht zuhörte.

Erstaunlich wenige ziehen daraus die naheliegende Schlussfolgerung.

Stattdessen gibt es Facebook-Foren, in denen alleinerziehende Mütter beklagen, dass Familienrichter inzwischen nicht mehr verhindern können, dass Väter Sorgerecht und Umgang bekommen. Mit Argumenten wie diesem:

»Seit Anbeginn der Menschheit und im gesamten Säugereich spielt die Mutter eine übergeordnete Rolle. Diese Tatsache kann kein Vater der Welt und auch kein Familienrichter einfach unter den Tisch kehren. Das wäre einfach nur wider der Natur!«

Ein damals 15-jähriges Mädchen hat das gelesen. Sie ist selbst Scheidungskind und wusste, wovon sie schreibt. Ihre Antwort wurde damals unzensiert veröffentlicht. Auf der Huffington Post gab es 10.000 Likes und eine wilde Diskussion von traurigen Vätern und empörten Müttern. Huffington Post gibt’s nicht mehr. Hier noch einmal der Brief.

Guten Tag meine werten Damen und Herren,

NEIN, mein Vater hat mich nicht hinterhältig manipuliert. Ich bin einfach nur eine moderne 15-jährige Teenagerin, die das Gefühl hat: KEIN MENSCH hier — und scheinbar ganz besonders die Frauen — hat eigentlich Ahnung, was für einen riesigen Bockmist er/sie/es von sich gibt.

Ich bin ein Scheidungskind und hab all das durchgemacht und gefühlt. Man bekommt hier das Gefühl, Sie reden nicht über einen lebenden, atmenden und vor allem sensiblen und fühlenden kleinen Menschen — sondern mehr über einen Preis, den es zu gewinnen gilt. Und das ist etwas vollkommen Unmögliches. Denn wenn ich das mal so erwähnen darf: Jahrhundertelang haben sich die Frauen beschwert, verkauft oder verlost zu werden und kein Mitspracherecht zu besitzen — und ganz genau das tun sie gerade mit ihrem Scheidungskind.

Frauen sind, nach meiner Erfahrung, oft sehr viel manipulativer und aggressiver als Männer. Sie lästern — und das ist kein Vorurteil, das ist nun mal einfach eine Begebenheit. Auch wenn wir Frauen sagen »NEIN, ich läster doch nicht«, tauchen die Situationen, in denen wir es tun, immer wieder auf. (Eigene Erfahrung — und zwar nicht nur von mir, wie ich betonen darf.) Die Ausrede lautet immer: »Sonst tu ich das ja nicht, aber…«

Und wenn Sie sich jetzt vorstellen, Sie sitzen mit Ihren Freundinnen in einem schönen Kaffeekränzchen, Ihr kleines Kind spielt still neben Ihnen, und Ihre Freundin fragt, wie es denn so mit dem Ex laufe — DAS ist der Anfang vom Ende der glücklichen Vater-Kind-Beziehung. Die ist für Kinder übrigens sehr wichtig!

Denn egal ob Sie glauben, Ihr Kind verstehe sowieso nicht, was für einen Dreck Sie über seinen Vater reden — glauben Sie mir eins: Den Namen kennt das Kind schon mit einem Jahr. Und da Kinder, wie wir alle in der Schule gelernt haben, vom 1. bis zum 4./5. Lebensjahr noch in ihrer sensiblen Phase sind — was bedeutet, sie nehmen Eindrücke und Gefühle besonders stark wahr — verbinden sie automatisch den Namen ihres Vaters mit dem Gefühl, das im Raum steht. Und beim Lästern, seien wir ehrlich, sind das NIE positive Gefühle.

Das Kind entwickelt Abneigung dem Vater gegenüber, vielleicht sogar Angst — und BUMM: Sie sind Gewinnerin des neuen Preises namens »Alleiniges Sorgerecht«.

UND DAS IST DIE SCHLIMMSTE MANIPULATION ÜBERHAUPT.

Da könnten Sie Ihrem Kind gleich ins Gesicht schlagen — und selbst das wäre harmloser, da körperliche Wunden heilen, mentale jedoch nie ganz verschwinden.

Wenn Sie eine Tochter haben, können Sie sich ziemlich sicher sein, dass diese es sehr schwer mit Beziehungen haben wird. Schlussendlich fällen Sie damit das Urteil, dass Ihre Tochter das gleiche Schicksal ereilt wie Sie. Und seien wir mal ehrlich: Als junger Mensch eine gestörte Beziehung zu Männern zu haben ist ziemlich scheiße, oder?!

Ich will jetzt nicht sagen, dass Frauen die ganze Schuld am Leiden der Kinder tragen. Am besten wäre es eigentlich gleich gewesen, das Kinderkriegen zu lassen, wenn man dann so mit seinem Kind umgeht — aber man kann diesen Dingen aus dem Weg gehen. Man muss die Scheidung erstens nicht vor dem Kind austragen, zweitens nicht so tun als hätte das Kind weder Gefühle noch ein relevantes Bedürfnis auf unbeschwerten Umgang mit dem Vater, und drittens einfach mal die Klappe halten — oder nachdenken, bevor man spricht. Was man eigentlich im Kindergarten gelernt haben sollte.

Denn auch mit dem Argument »Mütter sind nun mal auch in der Vergangenheit in den ersten Lebensjahren immer elementar wichtig gewesen« kann man heute einfach nicht mehr kommen. Alle Feministinnen auf dieser Welt beschweren sich, dass Frauen noch immer in die Hausfrau-Mutter-Rolle gedrängt werden — ganz genau das tun Sie hier alle gerade selbst. Als selbstbewusste Frau des 21. Jahrhunderts, wenn Sie so wahrgenommen werden wollen, können Sie dieses Argument einfach nicht bringen. Denn Männer wollen sich mehr kümmern — auch in den ersten Jahren. Sie versuchen es zumindest. Viele Frauen lassen sie dann einfach nicht, weil sie sich in der Hausfrau-Mutter-Rolle scheinbar doch ziemlich wohlfühlen und sich dann gerne abends beklagen: »Er hat wieder die ganze Wand mit seinem guten, gesunden Spinat vollgeschmiert, und ICH musste natürlich wieder alles wegmachen.«

Wenn ihr euch mal klar artikuliert und damit ausdrückt, was ihr eigentlich wirklich wollt, würde all dies hier viel runder ablaufen. Denn schlussendlich habe ich nicht das Gefühl, Sie streiten sich hier um das Wohl eines Kindes, das von all diesen Dramen eigentlich gar nichts mitkriegen sollte — sondern vielmehr darum, wer die Scheidung gewinnt.

Kinder haben Gefühle und das Bedürfnis, alles kennenzulernen — nicht nur die Mutter und die Oma oder was auch immer, sondern auch ihren Vater. Denn der gibt ihnen noch einmal ein ganz anderes Lebensgefühl: das Gefühl, dass man auch mal etwas riskieren kann. Was nicht nur wichtig für das Privatleben, sondern auch für das Berufsleben ist.

Frauen — und das kann ich als Frau nachvollziehen — sind nun mal ängstlicher, wenn es um ihre Sprösslinge geht. Und NEIN, damit will ich Ihnen jetzt nicht die Vorlage für einen Kommentar geben wie »Männer sind unzuverlässig und fahrlässig« — denn das sind sie nicht. Ich will Ihnen damit nur sagen, dass Kinder im jungen Alter beginnen müssen, das Leben von allen Seiten zu betrachten. Was nicht möglich ist, wenn sie an ein Geschlecht gebunden sind. Aus diesem Grund sollten auch Männer nicht das alleinige Sorgerecht bekommen.

JA, das Leben ist oft scheiße, und es ist schwer, vernünftig mit solchen komplizierten Konflikten umzugehen. Doch wenn Ihre Kinder Ihnen wirklich etwas bedeuten, ist es das wert. Denn nur durch eine friedliche und vernünftige Auseinandersetzung miteinander wird es Ihnen möglich sein, Ihren Kindern später Therapiesitzungen oder Besuche in einer psychiatrischen Klinik zu ersparen. Nein, das ist nicht überdramatisiert — das ist schlicht und einfach die Wahrheit.

Für ein Kind zu kämpfen ist edel. Um ein Kind zu streiten ist eitel und selbstgerecht. Deshalb ist das, was Väter tun, nur zu unterstützen — da sie nicht für sich selbst kämpfen, sondern für ihr Kind.

Es kann natürlich auch andersherum sein: dass eine Frau dafür kämpft, ihr Kind zu sehen, weil es dem Vater zugesprochen wurde. Allein schon diese Formulierung lässt mich erzittern. Aber auch das finde ich nicht falsch oder manipulativ — ich finde es schlicht und einfach richtig, sich für die gesunde Entwicklung seines Kindes einzusetzen.

Sich zu scheiden ist nichts Schlimmes, und oft ist ein klarer Schnitt besser als irgendein Gemurkse, bei dem die Eltern meinen, sie täten es ihrem Kind zuliebe. Doch wenn die Situation kommt, in der sich die Wege trennen, sollte man im Sinne aller handeln — und nicht so, wie es einem gerade passt. Denn all der Streit, viele Tränen und Narben können einem so erspart bleiben.

So, das war es von mir. Alles, was Sie nun gelesen haben, weiß ich nur, weil ich selbst das Schlimmste durchgemacht habe. Glauben Sie mir: Als Kind ist das GAR NICHT witzig. Ich hätte wirklich viel Zeit sparen können, die ich mit Therapie verbracht habe, wenn meine Eltern damals vernünftiger gewesen wären.

Ich will niemanden an den Pranger stellen — und wenn Sie das Gefühl hatten, ich hätte das getan, sollten Sie sich vielleicht fragen, ob Sie sich nicht doch in all dem wiederfinden.

Eltern scheinen nie zu wissen, was für ein Ausmaß eine Scheidung — oder auch nur ein Streit — für ein Kind hat. Denn Kinder geben sich an allem die Schuld. Glauben Sie mir: wirklich an allem, sogar wenn sie in keiner Weise etwas damit zu tun hatten.

Wenn Sie liebende und fürsorgliche Eltern sind — und ich glaube, das sind Sie —, dann hören Sie endlich auf, dieses Thema zu diskutieren. Denn es sollte NIE darum gehen, ob generell Mutter oder Vater besser für das Kind sind. Gut für das Kind sind Sie nur beide zusammen. Es wird ja schon einen Sinn haben, dass wir von Natur aus keine Einzelgänger sind.

Das Beste für Ihr Kind ist, wenn Sie sich als Eltern vertragen. Als ELTERN — nicht als PAAR.

Eine Antwort zu „Hört auf, euch zu streiten!“

  1. Avatar von Das Gute im Schlechten – Der Sexismusbeauftragte informiert

    […] 2014 schrieb sie in der Huffington Post einen offenen Brief zum Thema „Hört auf, euch zu streiten“. Der Text erreichte über 10 000 Likes und löste eine intensive Diskussion aus – mit […]

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