und fragwürdige feministische Frauenbilder
Als das Nachrichtenmagazin Der Spiegel kürzlich einen Artikel zum Thema Maternal Gatekeeping veröffentlichte, folgte das erwartbare Ritual: Empörung, Schuldabwehr, Ablenkung.
Allein die Idee, sich ernsthaft zu fragen, warum sich viele Männer nach der Geburt weniger um ihre Kinder kümmern, als sie es vor der Geburt vorhatten, galt bereits als Zumutung.
Dabei ist das kein neues Thema. Es wurde schon lange vor den Debatten um die „neuen Väter“ diskutiert – ich erinnere mich gut an entsprechende Beiträge in Psychologie Heute rund um die Jahrtausendwende. Wenn Studien davon ausgehen, dass über 20 % der Familien von diesem Phänomen betroffen sind, ist es nicht nur legitim, sondern notwendig, diesem Thema einen eigenen Artikel zu widmen.

Die Reaktionen folgten prompt. Feministische Stimmen wie Antje Schrupp erklärten Vaterschaft kurzerhand zum verzichtbaren Konzept, andere fabulierten von einer angeblichen „Herrschaft der Väter“.
Anne Wizorek wiederum empörte sich darüber, dass der Spiegel es überhaupt wagte, strukturelle Benachteiligung von Vätern zu thematisieren.
Der Tenor war stets derselbe: Männer sind selbst schuld.
Interessant ist, dass auch Teile der sogenannten „neuen Väter“ ähnlich reagierten. Volker Baisch, Gründer der Väter gGmbH, leistet ohne Zweifel wertvolle Arbeit beim Aufbau väterfreundlicher Unternehmenskulturen. Sein persönlicher Einsatz verdient Anerkennung.
Doch auch in seinen Kommentaren dominierte weniger Analyse als Selbstvergewisserung: Die eigene Erfahrung wurde zur Folie, an der andere Väter gemessen – und implizit abgewertet werden.
Und genau hier beginnt das Problem des Tellerrandes.

Ich selbst habe meine Kinder seit Ende der 1990er Jahre aktiv betreut. Maternal Gatekeeping war in meiner Beziehung kein prägendes Thema. Ich konnte Windeln wechseln, Kinder beruhigen, Betreuung organisieren – lange bevor meine Partnerin es tat. Beruflich war ich selbstständig, zeitlich flexibel, strukturell privilegiert.
Diskriminierung habe ich dennoch erlebt – nicht am Arbeitsplatz, sondern im Rechtssystem.
1996, bei der Vaterschaftsanerkennung meines Sohnes, erklärte mir ein Jugendamtsmitarbeiter nüchtern:
„Rechte haben Sie damit keine. Sie dürfen zahlen. Und wenn die Mutter stirbt, können Sie versuchen, das Kind zu adoptieren – falls irgendein Richter Ihnen das zutraut.“
Das war keine Polemik. Das war geltendes Recht.
Unverheiratete Väter hatten kein Umgangsrecht, kein Sorgerecht, keinen Schutz vor Entzug des Kindes. Erst 1998 wurde gemeinsames Sorgerecht mit Zustimmung der Mutter möglich. Erst 2013 konnte ein Vater es überhaupt einklagen. Automatisch gibt es bis heute nichts.
Der viel zitierte Spiegel-Slogan „Vater von Mutters Gnaden“ war keine Provokation – er war Realität.
Glück ist keine Struktur
Dass meine Geschichte vergleichsweise gut ausging, hatte weniger mit Leistung als mit Glück zu tun: wohlwollende Sachbearbeiterinnen, deeskalierende Interventionen, eine Konstellation, die ein frühes Wechselmodell ermöglichte.
Ich weiß aber auch, wie es anders läuft. Aus eigener Beratungstätigkeit kenne ich Väter,
- die sich suizidierten,
- die fünfstellige Beträge zahlen mussten, um Umgang zu erstreiten,
- denen mit Missbrauchsvorwürfen der Kontakt zu ihren Kindern blockiert wurde,
- deren Kinder systematisch instrumentalisiert wurden.
Wer angesichts dieser Realität sagt: „Geht doch, wenn man nur will“, verwechselt Privileg mit Leistung.

Der Mythos vom „neuen Vater“
Hier liegt der blinde Fleck vieler Debatten. Die Frage lautet nicht:
Warum werden Männer keine neuen Väter?
Sondern: Unter welchen Bedingungen dürfen sie es überhaupt werden?
Was wäre passiert, wenn die Partnerin ihre Karriere nicht aufgeben wollte?
Wenn sie entschied, dass Kinderbetreuung sinnvoller ist als Vorstandssitzungen?
Wenn sie ökonomisch und rechtlich die stärkere Position hatte – wie es in der Mehrheit der Trennungsfälle der Fall ist?
Dann helfen weder Teilzeitmodelle noch wohlmeinende Arbeitgeber. Ohne rechtliche Augenhöhe bleibt Gleichberechtigung freiwillige Gnade.

Selektive Verantwortung
Auffällig ist die selektive Logik vieler feministischer Kommentare.
Wenn Frauen unterrepräsentiert in Vorständen sind, wird individuelle Entscheidung konsequent ausgeblendet.
Wenn Männer unterrepräsentiert in der Betreuung sind, gilt plötzlich das Prinzip Eigenverantwortung.
Dabei zeigen Studien – unter anderem von Margit Stamm –, dass väterliche Qualität nicht von Teilzeit abhängt, sondern von Bindung, Präsenz und Unterstützung.
Der engagierte Vollzeitvater kann ein feinfühligerer Elternteil sein als der resignierte Teilzeitler ohne Rechte.
Auf einem Auge blind
Nein, diese Rhetorik hilft niemandem.
Nicht den Frauen. Nicht den Männern. Und am wenigsten den Kindern.
Wer strukturelle Probleme ignoriert, weil sie nicht ins eigene Weltbild passen, handelt nicht progressiv, sondern bequem.
Oder um es mit einem passenden Kinderbuch zu sagen, das „Drachen gibt es doch gar nicht“ heißt:
Probleme verschwinden nicht, weil man sie leugnet. Sie wachsen.
Und manchmal füllen sie wie der kleine Drache in Jack Kents Kinderbuch plötzlich den ganzen Raum aus, wenn man sie ignoriert.

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