Stereotype, Wahrscheinlichkeit und das Problem von Schutzlücken.
Das Muster wiederholt sich
Der Fall Ulmen/Fernandes ist in gewisser Weise schockierend. Für alle, die in den vergangenen Wochen unter einem Stein gelebt haben: Eine Frau bezichtigt ihren Ex-Mann der virtuellen Vergewaltigung, weil dieser Fake-Profile von ihr erstellt und in ihrem Namen fremden Männern und Kollegen sexuelle Avancen gemacht sowie Pornovideos mit Darstellerinnen, die seiner Frau ähnlich sahen, verbreitet haben soll. Er ist vor allem deshalb schockierend, weil er zeigt, wie verlässlich sich das Muster wiederholt. Als Gina-Lisa Lohfink wegen Falschbeschuldigung verurteilt werden sollte, sprang das #TeamGinaLisa auf die Barrikaden und forderte die Verschärfung des Sexualstrafrechts – damit keiner Frau noch einmal dasselbe Unrecht geschehe. Dabei stellten wir nicht einmal die Frage, ob es nicht vielleicht ein strafwürdiges Verhalten sei, wenn Frauen wie Claudia Dinkel – die Falschbeschuldigerin von Jörg Kachelmann – oder Heidi Külzer, die nachweislich ihren Kollegen Horst Arnold mit einer erfundenen Vergewaltigung für fünf Jahre ins Gefängnis brachte und sein Leben zerstörte nicht als Täterinnen bestraft gehören. Denn sie haben nicht nur unschuldigen Männern das Leben zerstört – sie haben es auch jedem echten Opfer danach deutlich schwerer gemacht, Gehör zu finden. Nicht alle Frauen lügen, um Reputationen zu zerstören. Aber es ist eben doch immer eine Frau, die diese Methode verwendet – um die Aktivisten-Logik einmal umzukehren.

Bei jedem prominenten Fall, der durch die Medien getrieben wird, folgt dieselbe Debatte, inklusive der Vorverurteilung der vermeintlichen Täter, ob sie nun Till Lindemann oder Luke Mockridge heißen. Diesmal steht vollständige Internettransparenz zur Diskussion. Jeder soll identifizierbar sein, jedes Wort auffindbar. Und am besten muss künftig der Mann beweisen, dass er nicht vergewaltigt hat. Das Argument lautet: Alle Männer sind das Problem. Und das, so wird uns versichert, ist doch logisch.
Aber ist es das wirklich?
Das Problem liegt nicht in der Logik oder: Warum blaue Schildkröten nicht fliegen
Um das zu beantworten, müssen wir einen Schritt zurücktreten – weg vom konkreten Fall, hin zu der Frage, wie wir Menschen überhaupt zu Schlussfolgerungen kommen. Denn das eigentliche Problem liegt nicht in der Logik unserer Argumente. Es liegt darin, wie wir die dafür notwendigen Wahrheitswerte generieren – und wie selektiv wir das tun, je nachdem, wer uns gerade am Herzen liegt und wer nicht. Wer das versteht, versteht auch, warum gut gemeinte Gesetze so oft schlechte Gesetze sind.
Wenn Menschen argumentieren, dass etwas logisch oder unlogisch sei, irren sie sich meistens darüber, was Logik eigentlich ist. Aber hier müssen wir etwas weiter ausholen. Ich krame dafür in meiner akademischen Vergangenheit – in einer Arbeit über „Modern Logic”, den Versuch eines Theoretikers, unsere alltäglichen Schlussfolgerungen in logische Syllogismen zu übersetzen. Mir wurde dabei rasch eines klar: Unsere Argumente scheitern in den seltensten Fällen an fehlerhafter Logik. Ein Syllogismus wie „Alles, was blau ist, kann fliegen; diese Schildkröte ist blau; also kann die Schildkröte fliegen“ ist logisch korrekt. Das Argument scheitert nicht an fehlerhafter Logik, sondern weil wir schlicht nicht überprüft haben, ob Blausein wirklich eine hinreichende Eigenschaft für Flugfähigkeit ist – und ob die Schildkröte tatsächlich blau ist. Logik bestimmt keine Wahrheit – sie verarbeitet sie nur. Und hier tut sich das größere Problem auf: die Frage, wie wir unsere Wahrheiten in unseren alltäglichen Schlussfolgerungen generieren. Wir haben fast nie hundertprozentige Sicherheit über unsere Wahrheitswerte. Wir handeln fast ausschließlich auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeiten.
Unser Gehirn ist keine Wahrheitsmaschine
Es ist die Evolution, die uns so verdrahtet hat, denn der Evolution ist Wahrheit egal. Für die Evolution zählt das Überleben — und hierfür ist eine schnelle Wahrscheinlichkeitsrechnung über Handlungsoptionen wichtiger als Elfenbeinturmwahrheiten. Stellen wir uns vor, ein Tiger läuft auf uns zu in der Savanne, und neben uns steht eine Gazelle. Wir haben keine Zeit für hundertprozentige Gewissheit über die Absichten des Tigers. Unser Gehirn trifft ein probabilistisches Urteil: Tiger fressen Dinge, ich bin ein Ding, also sollte ich auf den Baum klettern. Es wäre geradezu lebensbedrohlich dumm, auf absolute Sicherheit zu warten, um uns nicht dem Vorwurf auszusetzen, wir würden den Tiger foodshamen, weil wir das Vorurteil pflegen, er sei ein Menschenfresser, obwohl er heute vielleicht Hunger auf die Gazelle hat.
Unser Gehirn ist keine Wahrheitsmaschine. Es ist eine Überlebensmaschine. Und überleben sichert man eher mit einer plausiblen Wahrscheinlichkeitsrechnung als mit perfekter Wahrheit. Das ist wie mit der 80 %-Regel in der Arbeitswelt, die im Prinzip sagt: Um aus einer 80 %-Lösung eine 100 %-Lösung zu machen, benötigst du mindestens noch einmal denselben Aufwand wie für die ersten 80 %. Es ist eine logarithmische Kurve – je dichter du an die 100 % kommst, desto schwerer wird es. Der Philosoph Odo Marquard hat dieses Pedantenproblem als „Gesetz der zunehmenden Penetranz der negativen Reste“ beschrieben: Je mehr Probleme wir lösen, desto mehr werden kleinere Unannehmlichkeiten als unerträgliche Missstände wahrgenommen. Psychologen der Harvard University haben das empirisch bestätigt – sobald echte Bedrohungen verschwinden, werden Kleinigkeiten zur Katastrophe. In der Realität ist diese Herangehensweise tödlich: Wenn wir beim Tiger auf die 100 % warten, spüren wir seine Zähne im Nacken. Denn es könnte ja sein, dass er die Gazelle nur in falscher Sicherheit wiegen will. Und wenn Frauen ihre Angst erst dann überwinden können, wenn hundertprozentige Sicherheit herrscht, dann sind sie dazu verurteilt, in unerträglicher Angst zu leben – erst recht, wenn man jeden Hinweis auf eigenverantwortliche Risikominimierung als Opferbeschuldigung rahmt.
Dieser Mechanismus ist tief in uns verankert – und er verlässt uns nicht, wenn wir die Savanne verlassen. Und das sieht man bei ganz simplen Alltagsfragen. In meiner Arbeit lieferte der Autor des referierten Artikels ein schönes Beispiel aus dem Alltag einer WG: Eine Gruppe plant ein gemeinsames Abendessen. Einer soll Fleisch oder Fisch mitbringen. Als er noch nicht zurück ist, fragt jemand: „Hat eigentlich jemand gefragt, was er gekauft hat?“ Niemand hat gefragt. Aber einer sagt: „Es müsste ja schon im Kühlschrank liegen. Ich hatte in den Kühlschrank geschaut und es riecht nicht nach Fisch. Also hat er wohl Fleisch gekauft. Wir sollten Rotwein besorgen.“ Fisch oder Fleisch – kein Fisch – ergo Fleisch. Klingt plausibel. Aber ob es wahr ist, wissen wir nicht. Denn was, wenn der Fisch eine geruchsdichte Verpackung hatte? Was, wenn das Angebot ausgegangen und weder Fisch noch Fleisch zu bekommen war? Was, wenn er stattdessen gebratene Ameisen mitgebracht hat? Niemand würde gebratene Ameisen mit Rotwein servieren, natürlich. Aber die Wahrscheinlichkeit spricht mit allen bekannten Rahmenparametern für Fleisch – und da Rotwein zu gebratenen Ameisen kein lebensgefährlicher Fauxpas ist, hinterfragen wir diese Annahme nicht weiter. Genau wie beim Tiger. Wir sterben auch nicht, wenn wir überflüssigerweise auf den Baum klettern – selbst wenn der Tiger das Konzept der Intentionalität dritter Stufe kennt und die Gazelle nur glauben lassen will, er habe Hunger auf uns, um sie in falscher Sicherheit zu wiegen. Deshalb klettern wir lieber und überleben lieber mit unseren Vorurteilen über menschenfressende Tiger.
Wenn jemand die Unschärfe ausnutzt
Warum ist es so wichtig, sich diesen Mechanismus heute bewusst zu machen? Weil es immer wieder Akteure gibt, die genau diese Unschärfe unserer Wahrheitsfindung gezielt ausnutzen. Das betrifft nicht nur extreme historische Beispiele – aber Jim Jones war darin ein Meister.
Seine Stärke lag nicht in emotionaler Manipulation allein, sondern darin, Menschen schrittweise von der Idee zu lösen, dass vernünftige Schlussfolgerungen überhaupt belastbar seien. Der Gründer des Peoples Temple, der 1978 über 900 seiner Anhänger in den Massenselbstmord führte, verstand: Wer einen Standard von hundertprozentiger Sicherheit setzt, kann jede Schlussfolgerung als unzureichend diskreditieren. Er überzeugte seine Zuhörer davon, dass Logik und Wahrscheinlichkeitsrechnung uns niemals zur Wahrheit führen können – und dass persönliche Erfahrungen die einzige relevante Größe seien. Der Punkt war, das Vertrauen der Menschen in ihre eigene Fähigkeit zur Schlussfolgerung zu zerstören. Wer dieser Fähigkeit nicht mehr vertraut, ist wehrlos. Er akzeptiert einfach, welche Erzählung auch immer ihm geliefert wird. Genau das wollte Jones – und genau das bekam er.
In dem auf seinen Seminaren basierenden Theaterstück „Sofortige Erleuchtung inkl. MwSt.“ funktioniert das so: Jones‘ Alter Ego Max sagt seinen Seminarteilnehmern: „Stellt euch vor, ich sage euch, dass draußen Taxis warten. Aber was, wenn ihr rauskommt und da stehen dann Kamele? Rationales Denken kann euch nichts über die Welt sagen. Ihr könnt es nicht wissen, bevor ihr nicht hinausgeht und schaut.“ Natürlich – in einer amerikanischen Stadt sind Taxis weit wahrscheinlicher als Kamele. Der Trick besteht jedoch darin, diese Wahrscheinlichkeit für wertlos zu erklären, nur weil sie keine absolute Gewissheit liefert. Das ist psychologisch wirkungsvoll, weil der Verstand gegen eine künstlich erzeugte Unerfüllbarkeit argumentieren muss. Je länger er versucht, eine hundertprozentig wasserdichte Antwort zu liefern, desto eher ermüdet er. Er gibt nicht nach, weil er widerlegt wurde, sondern weil der gesetzte Beweismaßstab prinzipiell unerreichbar ist. Wer nicht weiß, wie sein Gehirn bei Schlussfolgerungen funktioniert, und deshalb lange genug gegen diesen gordischen Knoten ankämpft, gibt irgendwann auf.
Ein strukturell ähnlicher Effekt zeigt sich in heutigen moralisch aufgeladenen Debatten – nicht überall und nicht bei jedem Aktivismus, wohl aber dort, wo Zweifel bereits als Verrat gilt, wo Wahrscheinlichkeiten nicht mehr ausgesprochen werden dürfen und wo das Schuldbekenntnis aller Männer zur Eintrittskarte in den moralisch akzeptablen Raum wird. Die eigene Ratio wird nicht widerlegt – sie wird an einem Maßstab gemessen, für den sie nie gedacht war. Das Ergebnis ist dasselbe wie bei Jones.
Und hier schließt sich der Kreis. Die 100%-Forderung der Aktivisten – keine Frau soll je wieder Opfer werden, kein Mann soll je wieder ungestraft davonkommen – ist strukturell genauso unerfüllbar wie Jones‘ Taxi-Paradox. Eine freie Gesellschaft arbeitet mit Restrisiken, Wahrscheinlichkeiten und Abwägungen. Wer daraus ein moralisches Absolut macht, erzeugt denselben kognitiven Druck. Und wie strengere Gesetze die ein bis zwei Prozent antisozialer Persönlichkeiten einfangen sollen, die den größten Teil der Straftäter ausmachen – Menschen, deren psychologisches Profil sich gerade dadurch auszeichnet, dass Gesetze ihnen egal sind, solange sie einen persönlichen Vorteil erwarten –, das bleibt unbeantwortet. Beide, Jones wie die wohlmeinenden Aktivisten, stellen absurde 100%-Forderungen auf und hoffen, dass die Menschen sich von der Unlösbarkeit dieser Aufgabe weichkochen lassen, um ihr Narrativ zu übernehmen.
Der einzige Weg, hier seine Vernunft zu retten, ist die Erkenntnis, dass unsere Ratio als Überlebenswerk designt ist – und nicht dazu, hundertprozentige Wahrheiten aus dem Elfenbeinturm zu liefern. Das macht unsere Erkenntnisse nicht wertloser. Im Gegenteil: Eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die auf echter Erfahrung basiert und ehrlich mit ihren eigenen Grenzen umgeht, ist verlässlicher als jede Ideologie, die immer neue Wege sucht, ihre eigene Existenz zu rechtfertigen – und dafür die Maßstäbe je nach Bedarf verschiebt.
Und genau hier wird es gefährlich. Denn Angst hat die unangenehme Eigenschaft, Wahrscheinlichkeiten aufzublähen. Und Empathie – so wertvoll sie ist – tut dasselbe. Dabei sind wir noch nicht einmal bei der leidigen Frage der Unschuldsvermutung. Denn wenn wir hören, was Collien Fernandes durchgemacht haben soll, wenn wir uns in sie hineinversetzen, wenn wir verstehen, wie schlimm es für sie war – dann ist das menschlich, dann ist das richtig, dann ist das gut. Aber in genau diesem Moment verlieren wir den nüchternen Blick auf die Wahrscheinlichkeit. Und auf die Tatsache, dass wir bislang nur eine Seite der Geschichte kennen. Eine reale Gefahr, die vielleicht 0,01 % der Fälle betrifft, fühlt sich unter dem Einfluss von Empathie und Angst wie eine universelle Bedrohung an. Das Einzelschicksal verdrängt die Statistik. Und je stärker das Einzelschicksal uns bewegt, desto radikaler die geforderten Gegenmaßnahmen – für ein Problem, das in dieser Größenordnung vielleicht gar nicht existiert.
Das ist menschlich. Aber es ist eben auch der Moment, in dem wir besonders sorgfältig sein müssen. Und hier müssen wir ehrlich sein – auch dann, wenn es unbequem ist. Auch dann, wenn die Täter einer Gruppe angehören, über die wir lieber schweigen. Friedrich Merz hat in einer viel diskutierten Rede zum Fall Ulmen/Fernandes darauf hingewiesen, dass der Anteil migrantischer Täter bei realen Vergewaltigungen, Ehrenmorden und häuslicher Gewalt überproportional hoch ist. Reflexartig wurde ihm Rassismus unterstellt. Aber schauen wir nüchtern auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung: Die reale Bedrohung, die er beschreibt, ist statistisch wesentlich substanzieller als die Bedrohung, aus der heraus man „alle Männer“ zum Problem erklärt. Und Merz sagte nicht einmal, dass alle Migranten das Problem seien. Er sprach lediglich den Doppelstandard an – dass dieselben Menschen, die bei einem Fall wie Collien Fernandes lautstark systemische Konsequenzen fordern, verstummen, sobald Täter und Opfer nicht zum aktivistischen Narrativ passen.
Das ist keine Frage von rechts oder links. Das ist eine Frage der Konsequenz. Wer auf schwacher Wahrscheinlichkeitsbasis „alle Männer“ zum Problem erklärt, kann nicht gleichzeitig den Rassismusvorwurf hervorholen, wenn jemand mit statistisch weitaus belastbaren Argumenten auf überproportionale Kriminalitätsraten hinweist. Das eine ist nicht weniger ein Stereotyp als das andere – es ist nur gesellschaftlich akzeptierter, absurde Pauschalisierungen über Männer zu verbreiten als über jede andere Menschengruppe. Selektive Empörung ist keine Haltung. Sie ist selbst ein Stereotyp.
Warum gut gemeinte Gesetze schlechte Gesetze sind
Der Weg in die Hölle ist gepflastert mit guten Absichten. Man erinnere sich an die Zensurinfrastruktur, mit der sich Ursula von der Leyen seinerzeit als Bundesfamilienministerin den Spitznamen „Zensursula“ verdient hat. Damals ging es um den Schutz vor Kinderpornographie – ein Ziel, das niemand ernsthaft infrage stellen würde. Aber das Zensursystem, das dafür aufgebaut werden sollte, unterschied sich von der chinesischen Internetzensur im Wesentlichen nur durch die Frage, wer die Filter definiert. Technisch war es so mangelhaft, dass es tatsächlich nur unbescholtene Bürger in ihrem freien Internetzugang behinderte – jeder minimal kompetente Internetkriminelle konnte es ohne großen Aufwand umgehen. Verhindert wurde es damals nur durch die Abwahl der Großen Koalition und die FDP, die in einem Pilotprojekt nachwies, dass Löschaufträge bei Providern tatsächlich effektiver waren als eine Zensurinfrastruktur, nach der sich Diktatoren alle zehn Finger lecken würden. Das war 2009. Gelernt haben wir nichts. Denn auch heute wird jeder zum „Teil des Problems” erklärt, der eine differenzierte Betrachtung der Maßnahmen auf Basis unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung fordert, selbst wenn damit keine 100 %-Lösung zu erreichen ist.
Jetzt wollen wir zum Schließen von vermeintlichen Sicherheitslücken die Beweislast umkehren. „Ja heißt Ja“ klingt selbstverständlich – bedeutet aber faktisch eine Beweislastumkehr, bei der ein beschuldigter Mann nachweisen muss, dass sein Date von letzter Woche dem Sex explizit zugestimmt hat, wenn sie anschließend Beleidigt ist, weil man nicht zurückruft. Wie soll er das tun? Mit einem Audioprotokoll? Mit einem unterschriebenen Vertrag, den er sich vor dem One-Night-Stand unterzeichnen lässt? Die Absicht ist nachvollziehbar. Der Lösungsweg nicht. Und nein, mit dieser Kritik will man keine Täter schützen – sondern verhindern, dass Angeklagte wie Opfer vor Freislers NS-Tribunalen enden: schuldig, bevor die Verhandlung begonnen hat. Wir haben nicht nur Töchter, die wir vor bösen Männern schützen wollen – viele haben auch Söhne, die sie nicht zum wehrlosen Opfer einer verletzten Exfreundin machen wollen. Denn der Aktivistensatz „Jeder Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger“ lässt sich ebenso gültig umkehren: „Jede Frau ist eine potenzielle Lügnerin.“
Auch vollständige Internettransparenz klingt gut, wenn man an Collien Fernandes denkt. Es klingt weniger gut, wenn man an die AfD denkt, die in einigen Bundesländern auf dem Weg zur stärksten Kraft ist. Es klingt noch weniger gut, wenn man sich vorstellt, was ein wirklich feindseliges Regime mit einer Infrastruktur anfangen könnte, in der jeder für jedes Wort, das er online sagt, zur Rechenschaft gezogen werden könnte. Man muss sich nur vorstellen, was Stasi, Gestapo und das iranische Regime mit solchen Möglichkeiten angefangen hätten – und anfangen würden. Ein Diktator muss keine Überwachung erfinden. Er muss nur die Werkzeuge nutzen, die wir in gutem Glauben gebaut haben. Das ist keine Paranoia. Das ist Geschichte. Die Nazis profitierten bei der Judenverfolgung von den Volkszählungsdaten der Vorgängerregierungen – Daten, die ursprünglich für ganz andere Zwecke erhoben worden waren, und genau deshalb war z. B. die Volkszählung in den 80ern ein großes Politikum.
Wir denken in Wahrscheinlichkeiten. Das ist kein Fehler – so haben wir überlebt. Aber diesen Mechanismus zu verstehen, bringt eine Verantwortung mit sich. Bevor wir neue Gesetze fordern, bevor wir neue Systeme bauen, bevor wir auf der Grundlage eines Einzelschicksals die Gesellschaft umbauen wollen, müssen wir uns drei Fragen stellen: Wie hoch ist die tatsächliche Wahrscheinlichkeit des Schadens, den wir verhindern wollen? Wenden wir denselben Maßstab konsequent an – unabhängig davon, wer der Täter ist? Und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lösung, die wir fordern, in den falschen Händen für etwas weit Schlimmeres genutzt werden könnte?
Wenn die dritte Wahrscheinlichkeit höher ist als die erste, benötigen wir eine andere Antwort – ebenso wie wir sie bei von der Leyens Zensurfilter 2009 gefunden haben. Und wir sollten dem sektenartigen Mantra von Aktivisten und NGOs widerstehen, die vor allem ihre Existenzberechtigung beweisen wollen – um auch im nächsten Jahr wieder Subventionen vom Staat zu bekommen.

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