Oder die intellektuelle Selbstgefälligkeit von Philosophen
Ich werde gern mal gefragt, wie man auf die Idee kommt, Philosophie zu studieren.
Die Frage ist leicht zu beantworten: Der NC passte, und es klang nicht ganz so sinnlos wie Afrikanistik.
Was ich dann allerdings feststellte: Es kann darüber hinaus ausgesprochen interessant sein. Fragen, die ich mir seit meinem dreizehnten Lebensjahr stellte, wurden seziert. Und liebgewonnene Weltbilder, von denen man mit achtzehn in blinder Naivität vollkommen überzeugt ist, wurden zertrümmert – so gründlich, dass man sie sich in liebevoller Kleinarbeit neu aufbauen musste. Das passierte nicht nur einmal, sondern in jedem Semester aufs Neue. Es ist ein wenig wie Hausbau im Erdbebengebiet: Je starrer das Weltbild, desto schneller bricht es zusammen. Eines Tages lernt man, nicht mehr auf Monumente zu setzen, sondern auf Statik mit Spiel – auf ein Denken, das beweglich genug ist, um nicht von jedem philosophischen Taschenspielertrick aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden.
Das Wertvollste, was ich dabei für mein Berufsleben gelernt habe, war, Probleme zu analysieren: zu erkennen, warum Projekte sehenden Auges gegen die Wand fuhren, und andere von besseren Optionen zu überzeugen. Wenn meine Kinder mich fragten, womit ich eigentlich mein Geld verdiene, habe ich immer gesagt: „Ich bin Erfinder.“ Denn ich erfinde Lösungen für Probleme, die andere Menschen nicht einmal erkennen. Das Philosophiestudium hat mir dabei zweifellos geholfen.
Aber das war, offen gesagt, fast ein Abfallprodukt. Das Brauchbare kam aus der Methode – aus dem Sezieren, dem Zertrümmern, dem Neuaufbauen. Ein großer Teil des eigentlichen Stoffs dagegen war erschreckend belanglos. Am schönsten zeigte sich das an einem Seminar zur „analytischen Existenzphilosophie“, das sich hinter dem vielversprechenden Titel „Der Sinn des Lebens“ versteckte.
Analytisches Marketing
Schon das Etikett hätte mich warnen müssen. „Analytisch“ ist in der Philosophie kein Gütesiegel.
„Analytisch“ klingt nach Schärfe, Präzision, geistiger Sauberkeit. In Wahrheit ist es oft eher das philosophische Gegenstück zum Aufkleber „Digital Remastered“ auf der Billig-DVD einer drittklassigen Produktion: Es beschreibt eine technische Grundvoraussetzung. Natürlich muss man das analoge Material digitalisieren, um es überhaupt auf die Scheibe zu bekommen — aber das sagt noch nichts darüber, ob der Film etwas taugt. Die Bildqualität kann trotzdem grottenschlecht sein.
Genauso ist es in der Philosophie das Mindeste, Begriffe zu klären und Argumente sauber zu zerlegen. Das ist der Pflichtschritt, nicht die Kür. Man kann ihn vollständig vollziehen und dabei makellos logisch über eine vollkommen belanglose Frage schwadronieren. Und je sauberer man es tut, desto deutlicher tritt manchmal zutage, dass die Frage es nicht wert war.
Das Seminar lieferte den Beleg frei Haus. Wir hatten mehrere Texte bekommen, und irgendwann landeten wir bei Sisyphos — dem Mann, den die Götter dazu verdammt haben, einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, der oben jedes Mal wieder hinabrollt. Das klassische Bild für ein sinnloses Leben. Man sollte meinen, daran gibt es nichts zu deuteln.
Man sollte sich täuschen.
Jetzt schlug die Stunde derer, die besonders kritisch und besonders analytisch sein wollten. Ob Sisyphos’ Leben nicht doch sinnvoll sein könne, fragten sie mit ernster Miene – wenn er etwa darüber nachdenke, mit welcher Methode er den Stein vielleicht doch oben halten könne? Ob nicht im Ausdenken immer neuer Techniken ein Sinn liege, im findigen Optimieren des eigenen Mühens? Eine halbe Sitzung lang wurde mit echtem Eifer erörtert, wie der Verdammte seine Strafe wegrationalisieren könnte.
Ich habe das irgendwann nicht mehr ausgehalten. Wir reden über Sinn, habe ich gesagt. Das wird nicht einen Deut sinnvoller, nur weil die Götter seinen Erfolg verhindern – und er zu blöd ist, das einzusehen. Der ganze Mythos besteht darin, dass der Stein oben nie liegen bleibt. Wer Sisyphos eine Methode andichtet, mit der er am Ende doch gewinnt, hat den Mythos nicht klüger interpretiert. Er hat ihn abgeschafft. Und wer das Ausdenken solcher Methoden schon für Sinn hält, verwechselt Sinn mit Beschäftigungstherapie: Es fühlt sich produktiv an, aber wenn das Ziel per definitionem unerreichbar ist, produziert die ganze Findigkeit keinen Krümel Sinn – nur das angenehmere Gefühl, beschäftigt zu sein.
Damit sind wir bei dem Punkt, an dem die versammelte analytische Strenge reihenweise vorbeiredete. Die Frage nach dem Sinn ist keine Frage des Gefühls. Ob Sisyphos sich bei seiner Schinderei gut oder findig fühlt, ändert nichts an ihrer Sinnlosigkeit. Und – das ist die andere Seite derselben Medaille und wird der eigentliche Streitpunkt sein – ob ein Tun sich sinnlos anfühlt, entscheidet ebenso wenig darüber, ob es sinnlos ist.
Sinn ist nichts, was im Kopf des Handelnden entsteht. Aber er ist auch nicht bloß irgendeine Wirkung in der Welt. Auch ein Stein, der eine Fensterscheibe einschlägt, wirkt. Auch ein Unfall wirkt. Auch ein Missgeschick wirkt. Wirkung allein ist noch kein Sinn.
Sinn entsteht dort, wo Wirkung einen Zweck erfüllt.
Und der grundlegendste Zweck, den wir in der Natur erkennen können, ist nicht Glück, nicht Erlösung, nicht ein fertiges Endziel und auch nicht die Verwirklichung irgendeines kosmischen Plans. Es ist Optimierung im evolutionären Sinn: Weitergabe, Anpassung, Fortsetzung und Steigerung der Möglichkeiten des Spiels. Der Zweck ist nicht ein Endpunkt, auf den alles zuläuft. Der Zweck ist, dass das Spiel sich fortsetzt, verändert, verdichtet, erweitert.
Wirkung ist also nicht der Sinn selbst. Wirkung ist die Form, in der Sinn sichtbar wird.
The Meaning of Life
Der Text, um den es geht, stammt von dem angloamerikanischen Philosophen Richard Taylor und heißt „The Meaning of Life“ und ist ein Kapitel in seinem Buch Good and Evil (1970). Ich will ihm gerecht werden, bevor ich ihn auseinandernehme. Denn er ist klug. Und er gehört nicht zu den üblichen Verdächtigen, die einem das Leben madig machen wollen. Im Gegenteil – der Autor wollte trösten. Genau das macht ihn gefährlicher als jeden Pessimisten.
Er beginnt, wie sollte es anders sein, bei Sisyphos. Aber er nimmt ihn ernster als die Seminarrunde, die sich später an ihm abarbeiten sollte. Für ihn ist Sisyphos das vollkommene Bild der Sinnlosigkeit, und zwar aus zwei Gründen: Das Tun wiederholt sich endlos, und es kommt nichts dabei heraus. Kein Ziel, kein Ergebnis, kein Punkt, an dem man sagen könnte: vollbracht. Nur der Stein, der oben immer wieder hinabrollt. Soweit das Bild, dem wir alle zunicken.
Jetzt aber macht der Autor seinen entscheidenden Zug. Er ändert die Geschichte minimal: Angenommen, die Götter hätten neben der Strafe noch eine perverse Gnade walten lassen und Sisyphos den unwiderstehlichen Trieb eingepflanzt, Steine zu wälzen. Er will jetzt nichts anderes, als genau das zu tun, wozu er verdammt ist. Gibt das seinem Leben einen Sinn? Objektiv, sagt der Autor, ändert sich nichts – das Wälzen bleibt so leer wie zuvor. Aber von innen, aus Sisyphos’ eigener Perspektive, ist seine Lage kein Fluch mehr, sondern Erfüllung. Er tut ewig das, was er am meisten will. Der Sinn, den er empfindet, ist vollständig – und vollständig subjektiv.
Dann prüft der Autor die naheliegende Gegenidee: die objektive Leistung. Angenommen, Sisyphos wälzte seine Steine nicht sinnlos, sondern baute aus ihnen über Äonen einen Tempel – etwas Schönes, Bleibendes. Dann, so räumt er ein, wäre die Sinnlosigkeit verschwunden, es käme etwas dabei heraus. Und doch verwirft er auch das, mit einer Pointe, die man erst auf den zweiten Blick versteht: Wäre der Tempel fertig, bliebe Sisyphos nichts mehr zu tun, als sein vollendetes Werk für alle Ewigkeit anzustarren. Das, sagt der Autor, sei das Bild der unendlichen Langeweile. Also lieber der glückliche Steinewälzer als der gelangweilte Tempelbesitzer. Das dauerhafte Werk rettet den Sinn nicht – es führt nur in eine andere Hölle.
Das Eigenheim, das man ein Leben lang abbezahlt hat und für einen zentralen Teil seines Schaffens hielt, ist hundert Jahre nach dem eigenen Tod zerfallen.
Im Würmerhimmel
Und dann kommt die Stelle, an der ich damals als Einziger hängenblieb. Der Autor sucht einen Beleg in der Natur und findet ihn in den Höhlen Neuseelands: dunkle Grotten, deren Wände und Decken in weichem Licht stehen, als blicke man in einen Sternenhimmel. Jeder Lichtpunkt aber ist, wie er nüchtern feststellt, ein hässlicher Wurm, dessen leuchtender Schwanz Insekten anlockt. Wer sich nähert, verfängt sich in einem klebrigen Faden und wird gefressen. Und die Würmer selbst? Sie leuchten, locken, fressen, wachsen heran, lassen sich irgendwann von der Decke fallen, pflanzen sich fort und sterben – woraufhin die nächste Generation an der Höhlendecke zu leuchten beginnt und das Spiel von vorn. Ein perfekter Kreislauf, der nichts anderes hervorbringt als die Bedingung seiner eigenen Wiederholung.
Für den Autor ist das die Sinnlosigkeit in Reinkultur: Sisyphos, übersetzt in die Sprache der Biologie. Und sein Fazit dazu lautet sinngemäß: Es ist das bloße Tun, das zählt, sogar bei den Glühwürmchen.
Daraus zieht er den Schluss, der den ganzen Text trägt und ihn so sympathisch macht: Der Sinn des Lebens kommt nicht von außen. Er wird nicht verliehen, von keinem Gott, keinem Zweck, keinem bleibenden Werk. Er kommt von innen – aus dem Willen, das zu tun, was zu tun unsere Natur ist. Und dieser innere Sinn, sagt der Autor, übertreffe an Schönheit und Dauer jeden Himmel, von dem Menschen je geträumt haben.
Das ist tröstlich, es ist elegant, und es klingt nach Demut. Man legt den Text aus der Hand und denkt: Ja, so kann man leben.
Genau hier wird es Zeit, unbequem zu werden.
Bevor ich erkläre, wo dieser Text falsch abbiegt, muss ich etwas zugeben, das im ersten Moment überrascht: In seinem Ausgangspunkt hat der Autor recht. Wir stehen sogar auf demselben Boden.
Denn auch ich glaube nicht an einen Sinn, der von außen verliehen wird – wohl aber an einen, der im Streben selbst liegt. Und hier muss ich genauer sein, als der Autor es ist. Es geht nicht um Sinn ohne Absicht. Es geht um Sinn ohne konkretes Endziel. Wenn es einen Gott gibt, dann hat er sein Wirken nicht in einem fernen Schlusspunkt versteckt, sondern in genau diesem Streben manifestiert. Die Christen sagen, das Ziel sei der Mensch gewesen. Nietzsche sagt, das Ziel sei der Übermensch. Beide brauchen einen Fluchtpunkt, auf den alles zuläuft. Und genau den gibt es nicht.
Es gibt das Spiel, nicht das Ziel des Spiels.
Das Evolutionsspiel
Der Sinn braucht dafür keinen äußeren Auftrag und nicht einmal ein Bewusstsein, das ihn empfindet. Er entsteht aus dem simpelsten Impuls, den man sich denken kann: der möglichst wirksamen Weitergabe von Erbinformation. Mehr braucht es nicht. Aus diesem einen Impuls folgt das ganze Prinzip der Evolution – Mutation und Selektion. Es entstehen Varianten, und jene, die sich besser weitergeben, setzen sich durch. Niemand muss das geplant haben, und doch bringt der Prozess Ordnung hervor, Komplexität, und am Ende Wesen, die über sich selbst nachdenken können.
Kein konkretes Ziel – aber auch nicht nichts.
Und hier liegt der eine Unterschied, der alles entscheidet. Die Würmer spielen dieses Spiel blind. Wir spielen es bewusst. Das ist nicht dasselbe, wie ein Ziel zu haben – es ist etwas Subtileres: in einem ziellosen Spiel ein bewusster Spieler zu sein statt eines unbewussten.
Und damit zurück zu den Glühwürmchen, denn sie sind das genaue Gegenteil dessen, was der Autor aus ihnen macht. Man stelle sich nur vor, ein solcher Wurm hätte tatsächlich jenen Funken Bewusstsein, den der Autor ihm gedanklich unterstellt. Er wäre die perfekte Verkörperung eines Gary-Larson-Cartoons: jenes Bildes der wohlstandsverkorksten Kuh, die mit Martiniglas und Perlenkette im Wohnzimmer neben ihrem Mann steht und seufzt: „Wendel, ich bin unzufrieden.“ Genau das wäre unser Wurm – er hinge an seiner Höhlendecke, das Leuchtorgan am Hinterleib, und klagte über die Sinnlosigkeit seines Daseins.

Der einzige Grund, warum diese Würmer sich nicht aus lauter Verzweiflung von der Decke stürzen, ist, dass sie zu dumm sind, über ihr Leben nachzudenken.
Subjektiv betrachtet ist ihr Dasein die reinste Tristesse – der Autor hat insofern vollkommen recht. Aber objektiv betrachtet leisten sie etwas, das kaum zu überschätzen ist.
Denn was tun diese Würmer eigentlich? Sie hängen eine tödliche Falle aus Licht in die Dunkelheit. Und diese Falle bestraft eine ganz bestimmte Eigenschaft: blinden Instinkt. Jedes Insekt, das dem Reiz „Licht“ stur und ohne zu zögern folgt, fliegt in den klebrigen Faden und stirbt. Wer hingegen – durch welche zufällige Laune einer Mutation auch immer – eine Spur weniger stur reagiert, wer den Reiz nicht augenblicklich in Bewegung übersetzt, sondern, und sei es um den Bruchteil eines Wimpernschlags, unterscheidet, der hat eine höhere Chance, nicht gefressen zu werden. Und gibt diese Eigenschaft weiter.
Nicht, weil Evolution auf Bewusstsein zuliefe. Das tut sie nicht. Evolution verfolgt kein vorher festgelegtes Ziel und arbeitet keinen göttlichen Projektplan ab. Aber jede ökologische Falle dieser Art belohnt unter bestimmten Bedingungen Abweichungen vom stumpfen Reizschema. Und solche Abweichungen sind der Stoff, aus dem später komplexere Wahrnehmung, flexiblere Reaktion und irgendwann Bewusstsein werden können.
Man sehe sich an, was hier geschieht. Der Wurm, dieses subjektiv trostlose Vieh, wirkt als Selektionsfaktor. Er sortiert, über ungezählte Generationen, das stur Instinktgesteuerte aus und belohnt das, was vom reinen Instinkt abweicht – die Fähigkeit zu unterscheiden, zu zögern, den Reiz nicht blind zu vollziehen. Genau diese Fähigkeit ist der Keim dessen, was am Ende einer unvorstellbar langen Kette einmal Bewusstsein heißen wird. Nicht der Wurm allein, versteht sich – aber jede solche tödliche Falle, und die Natur ist voll davon, drückt unter bestimmten Bedingungen in dieselbe Richtung: weg vom blinden Reiz, hin zur Unterscheidung.
Das ist die Pointe, die der kluge Autor übersieht. Er hält den Wurm für das vollkommene Bild der Sinnlosigkeit – und merkt nicht, dass er auf ein Wesen zeigt, das am Bau genau jener Fähigkeit mitwirkt, die ihm, dem Autor, überhaupt erst erlaubt, die Frage nach dem Sinn zu stellen. Er sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.
Das Bewusstsein, das er zur einzigen Quelle des Sinns erklärt, ist selbst ein Produkt jener „sinnlosen“ Prozesse, die er verachtet. Der Wurm ist nicht das Gegenteil des denkenden Menschen. Er ist sein Katalysator.
Und damit man mich nicht falsch versteht: Das ist kein Würfeln, kein blinder Zufall, der zufällig etwas Hübsches ausspuckt. Man stelle einen beliebigen modernen Computer vor die Aufgabe, dieses Spiel auch nur zu beschreiben – die Verschränkung von Millionen Selektionsdrücken, Mutationen, Rückkopplungen über Jahrmillionen –, und er kapitulierte. Nicht weil das Spiel regellos wäre, sondern weil es zu komplex ist, um es zu durchrechnen.
Ziellos heißt eben nicht regellos.
Das Spiel folgt strengen Regeln. Es läuft nur auf nichts Bestimmtes zu.
Dass ein Vorgang keinen bewussten Willen hat, heißt deshalb nicht, dass er keinen Zweck im Spiel erfüllen kann. Auch ein Meteorit kann das Spielfeld der Evolution verschieben. Der Einschlag, der den Dinosauriern zum Verhängnis wurde, war keine Entscheidung, keine Absicht, keine Botschaft. Und doch öffnete er Räume, in denen andere Lebensformen aufsteigen konnten. Wirkung ohne Bewusstsein – aber nicht ohne Folgen im Spiel.
Der Meteorit stößt um. Der Wurm vollzieht. Der Mensch entscheidet.
Und damit zum Menschen. Denn an einer Stelle reißt die Kette, die von den Würmern zu uns führt. Irgendwann brachte dieser Prozess ein Wesen hervor, das nicht mehr nur blind mitspielte, sondern anfing, das Spiel zu durchschauen. Der Mensch hat, um es im alten Bild zu sagen, vom Baum der Erkenntnis genascht – und sich damit aus dem rein biologischen Zustand katapultiert.
Das heißt nicht, dass die genetische Evolution beim Menschen aufhört. Sie läuft weiter, unverändert. Aber sie ist nicht mehr der einzige Kanal. Es kommt ein zweiter hinzu: die Weitergabe von Erkenntnis. Wir vererben nicht nur Gene, sondern auch das, was wir zu Lebzeiten lernen, erfinden, durchdenken – und die nächste Generation beginnt nicht wieder bei null, sondern setzt dort an, wo wir aufgehört haben. Man sieht hier fast Lamarck bestätigt: die Vererbung erworbener Eigenschaften, in der Biologie ein Irrtum, in der Kultur die schlichte Wahrheit. Newton musste nicht erst die Schwerkraft neu entdecken, um auf ihr aufzubauen.
Diese kulturelle Evolution läuft nach denselben Prinzipien wie die genetische – Variation, Selektion, Weitergabe –, nur ungleich schneller.
Und das verändert die Frage nach dem Sinn von Grund auf. Wenn Erkenntnis selbst ein Replikator ist, dann erfüllt ein Mensch seinen Sinn in diesem Spiel nicht mehr nur dadurch, dass er Gene weitergibt. Der Mann, der das elektrische Licht in die Häuser brachte, hat das Spielfeld der gesamten Menschheit verschoben – gleichgültig, wie viele Kinder er hatte. Seine Erfindung repliziert sich bis heute, in jeder Glühbirne, und sie wirkt fort, mutiert weiter in den Händen derer, die nach ihm kamen.
Das ist Wirkung in der Welt, aber nicht bloß Wirkung. Es ist Wirkung, die einen Zweck erfüllt: Sie erweitert das Spielfeld. Sie schafft neue Möglichkeiten. Sie verändert, was nach ihr möglich ist.
Sinn im präzisen Verstande – ganz ohne fertiges Endziel.
Nehmen wir Oskar Schindler. Was er getan hat, wirkt objektiv weiter in jedem der rund 1.200 Menschen, die er rettete, und in deren Nachkommen, die heute zu Tausenden leben – Existenzen, die es ohne ihn schlicht nicht gäbe. Diese Wirkung übersteigt um Größenordnungen, was seine eigene Blutlinie je hätte erreichen können. Nicht das Weitergegebene, nicht das Materielle, nicht das Dauerhafte ist hier der mächtigste Hebel, sondern die Tat selbst – und ihre Folgen, die weit über den Handelnden hinausreichen.
Bis hierher klingt das tröstlich, fast erbaulich: der Erfinder, der Retter, der Wohltäter, dessen Wirken die eigene Vergänglichkeit überdauert. Aber genau hier muss ich unbequem werden, sonst belüge ich mich selbst.
Nehmen wir Alexander Fleming, dem die Welt das Penicillin verdankt. Wir feiern ihn als reinen Wohltäter. Aber unter den vielen Millionen, die sein Penicillin über die Jahrzehnte am Leben hielt, waren mit statistischer Gewissheit auch Mörder, Folterknechte, künftige Schlächter und Diktatoren. Wer wollte ausrechnen, was die Toten, die diese Geretteten verursacht haben, gegen die Leistung ihres Retters aufwiegen? Die Antwort ist: Niemand kann das. Und nicht, weil die Rechnung zu groß wäre – sondern weil sie sich grundsätzlich nicht aufstellen lässt. Die Bedeutung von Flemings Tat verzweigt sich ins Gute wie ins Abscheuliche, und beide Äste sind real.
Das macht das Penicillin nicht schlecht. Es macht nur sichtbar, dass die Bedeutsamkeit einer Tat und ihr moralischer Wert zwei vollkommen verschiedene Dinge sind. Wir sehen bei Fleming nur die guten Folgen scharf und lassen die schlechten im Nebel – aber das ist ein Unterschied unserer Wahrnehmung, nicht der Sache.
Wie schwer diese moralische Bewertung fällt, zeigt sich an einem anderen Beispiel – einem, an dem das Grauen ein Gesicht bekommt. Roald Dahl hat eine Erzählung geschrieben, die er ausdrücklich „eine wahre Geschichte“ nennt. Eine Mutter hat soeben ihr viertes Kind geboren; die drei zuvor sind alle als Säuglinge gestorben, und sie ist außer sich vor Angst, auch dieses zu verlieren. Ein Arzt beruhigt sie, fürsorglich, geduldig: Das Kind sei gesund, sie solle hoffen, sich auf seine Zukunft freuen. Erst am Ende fällt der Name. Die Mutter heißt Klara, der Vater Alois, und das gerettete Kind, dem der Arzt so menschlich ins Leben hilft, heißt Adolf Hitler.
Das Raffinierte an Dahls Erzählung ist, dass alle Personen ihre echten Namen tragen – Klara, Alois, die toten Geschwister Otto, Gustav und Ida. Nur einer bleibt namenlos: der Arzt. Er ist schlicht „der Arzt“, nicht mehr. Der Einzige, dessen Zuspruch in der Logik der Geschichte das Kind am Leben hält, ist der Einzige, den niemand eines Namens für wert befunden hat – und tatsächlich ist nicht überliefert, wer Hitlers Geburt betreute. Hier wirkt einer total und ist vollkommen unsichtbar: kein Werk, kein Denkmal, nicht einmal ein Name. Und seine Handlung gehört doch zu den folgenreichsten des zwanzigsten Jahrhunderts.
Diesen Fall kann man beliebig weiterspielen. Man stelle sich vor, der fähige Arzt hätte an jenem Tag eigentlich Dienst gehabt – aber seine Frau wird am Morgen von einem Auto angefahren, und so übergibt er die Schicht an einen unbegabten Kollegen, unter dessen Obhut das Kind stirbt. Dann wäre ausgerechnet jener Autofahrer, der nichts weiter getan hat, als eine Frau anzufahren, der unwissende Verhinderer des Dritten Reiches. Ein Mensch, der in jeder Akte als rücksichtsloser Raser geführt würde, hätte objektiv Millionen Leben gerettet – und niemand, er selbst am allerwenigsten, hätte je eine Ahnung davon. Hinter ihm stünde der, der ihn am Morgen aufhielt, sodass er zu spät und zu schnell fuhr; dahinter der nächste, und so fort. Die Bedeutung hat keinen Ursprung, den man dingfest machen könnte. Sie sitzt nicht beim Handelnden und erst recht nicht bei dem, der sie beabsichtigt – sie wandert durch die Kette und kommt dort heraus, wo niemand sie vermutet.
Dass dieser Sinn jenseits jeder moralischen Bewertung liegt, ist die unbequemste Konsequenz meines Gedankens – und ich weiche ihr nicht aus. Mein Begriff von Sinn macht keine Ausnahme für das Grauen; täte er es, wäre er kein objektiver Begriff mehr, sondern ein moralisch geschönter.
Hier wird mancher einwenden – und es ist der ehrlichste Einwand gegen alles bisher Gesagte: Wenn ich nie überblicke, was mein Handeln bewirkt, wenn aus dem Guten Furchtbares erwachsen kann und der Weg zur Hölle mit besten Absichten gepflastert ist – wäre es dann nicht klüger, möglichst wenig zu tun? Den Stein gar nicht erst anzufassen, um ihn nicht versehentlich ins Rollen zu bringen und eine Lawine auszulösen?
Diese Angst ist real, und sie lähmt mehr Menschen, als man denkt. Am deutlichsten zeigt sie sich heute in einer Frage, die für besonders verantwortungsbewusst gehalten wird: Wie kann ich Kinder in diese schreckliche Welt setzen? Das klingt nach Demut. Es ist aber das Gegenteil – die Lähmung in Reinform, angewandt auf den grundlegendsten Zug im ganzen Spiel.
Denn die Gegenfrage lautet: Wie kannst du die Fortpflanzung den Gedankenlosen überlassen – denen, die sich diese Frage nie stellen und die Welt mit ihrer Sorglosigkeit weiter ruinieren? Wer aus Verantwortungsgefühl auf Nachkommen verzichtet, sorgt nur dafür, dass die nächste Generation ausschließlich von denen geprägt wird, die keines haben. Die Enthaltung ist kein Ausstieg. Sie ist ein Zug wie jeder andere – nur überlässt sie das Brett den anderen.
Und damit zerfällt die ganze Lähmung. Sie beruht auf einem Denkfehler: der Annahme, Nichtstun sei der sichere, folgenlose Nullpunkt, von dem aus jedes Handeln ein riskanter Sonderfall ist. Das stimmt nicht. Nichtstun hat ebenso unüberschaubare Folgen wie Tun. Wer sich am Spielfeldrand festklammert, hat das Spiel nicht verlassen – er beeinflusst es weiter, durch das Vakuum, das er hinterlässt. Es gibt kein neutrales Außen. Du kannst dieses Spiel nicht nicht spielen.
Das ist der Fluch des Menschen ebenso wie der des Sisyphos. Der Unterschied ist, dass die Götter bei ihm die Karten gezinkt haben, um ihn zu bestrafen. Das ist der Grund, weswegen er das perfekte Bild vom Sinnlosen ist und weswegen er aber nicht auf unsere Grundsituation anwendbar ist: Er ist jeglicher Wirkung beraubt. Bei uns aber gibt es keine Nichtwirkung.
Selbst der radikalste Ausweg ist keiner. Der Pessimist, der konsequent sein wollte und das Leben für ein sinnloses Übel hält, müsste feststellen, dass ihm nicht einmal der letzte Ausgang offensteht: Auch wer das Brett umstößt, hinterlässt Wirkung, Trümmer, Folgen für alle, die bleiben. Die pessimistische Logik frisst sich selbst – es gibt kein Heraustreten, nicht einmal durch die Tür, die der Verzweifelte für die endgültige hält.
Wenn man das begriffen hat, kippt die Lähmung in ihr Gegenteil. Es bleibt, mit dem Komponisten John Cage zu sprechen, der den schönen Satz geprägt hat: There is no reason for anything but optimism. Kein Grund für irgendetwas außer Optimismus – nicht als naive Zuversicht, sondern als einzig vernünftige Spielhaltung. Wer ohnehin im Spiel ist, ob er will oder nicht, für den ist die Verzweiflung darüber bloß vergeudete Kraft.
Am schärfsten hat das eine alte Frau ausgesprochen, in Colin Higgins’ Roman „Harold and Maude“. Maude, knapp achtzig, eine Frau, die ein Konzentrationslager überlebt hat, erklärt dem zwanzigjährigen, todesverliebten Harold das Leben. Viele Menschen, sagt sie, genössen es geradezu, tot zu sein – nur seien sie nicht wirklich tot, sie wichen bloß vor dem Leben zurück. Genau die Verweigerer also. Ihr Rat an Harold:
„Reach out. Take a chance. Get hurt even.“
Streck dich aus, riskier etwas, lass dich notfalls verletzen – aber spiel, so gut du kannst. Lebe. Sonst, fügt sie trocken hinzu, habe man hinterher in der Umkleidekabine nichts zu erzählen.
The Problem is Choice
Aber lebe – wodurch? Die genaueste Antwort haben die Wachowskis-Geschwister in ihrer Matrix-Trilogie gegeben, und sie lautet: durch die Entscheidung. Das Problem ist die Wahl.
Im ersten Teil ist Neo noch einer der Verweigerer. Das Orakel sagt ihm sinngemäß: „Du hast die Gabe, aber es sieht aus, als würdest du auf etwas warten – auf dein nächstes Leben vielleicht.“ Genau das ist Maudes Toter, der aufs Leben verzichtet und auf später hofft. Erst als Neo sich entschließt, Morpheus zu retten – gegen jede Vernunft –, wird er zum Auserwählten. Nicht eine Bestimmung macht ihn dazu, sondern seine Entscheidung.
Im zweiten Teil wird er auf die Probe gestellt. Der Architekt bietet ihm den vorgezeichneten Sinn an – die Rolle, die dem Auserwählten zugedacht ist, den Plan, der die Menschheit retten soll. Und Neo erkennt, worum es in Wahrheit geht: „The problem is choice“, sagt er – das Problem ist die Wahl. Für den Architekten ist diese Wahl der Defekt im System, die Anomalie, die seine perfekte Konstruktion seit jeher unterläuft. Für Neo ist sie das Einzige, was zählt. Er wählt die Liebe zu Trinity und verwirft den Plan, der ihm zugedacht war. Er verweigert den fremdbestimmten Sinn.
Und im dritten Teil führt er einen aussichtslosen Kampf gegen die unzählige Armee der Smiths – ohne Plan, ohne Garantie, ohne dass ihm ein Sinn versprochen wäre. Smith, der Nihilist, hält ihm dabei das ganze Programm entgegen: Freiheit, Wahrheit, Friede, Liebe – alles Illusionen, Hirngespinste eines schwachen Verstandes, der eine Existenz zu rechtfertigen versucht, die „without meaning or purpose“ sei, ohne Sinn und Zweck. Warum also, fragt Smith, stehst du immer wieder auf? Warum kämpfst du weiter? Und Neos Antwort ist der ganze Sinn dieses Textes in vier Wörtern:
„Because I choose to.“
Weil ich es so entscheide. Nicht weil der Architekt einen Plan hatte. Nicht weil ein Zweck auf ihn wartete. Sondern weil es seine Entscheidung ist.
Der Architekt und Smith sind die Sinn-von-außen-Fraktion. Der eine bietet einen Plan, der andere bestreitet jeden Sinn — aber beide denken in Zweck und Bestimmung, und wo sie keinen Zweck finden, sehen sie nur Leere. Neo durchbricht beides mit einer Wahl, die keinen vorgezeichneten Zweck von außen braucht. Genau das ist der Sinn ohne konkretes Endziel, von dem dieser ganze Text handelt: Du brauchst keinen Plan, der dir vorher sagt, wozu du da bist, um zu entscheiden, wie du spielst. Die Wahl ist nicht der ganze Sinn. Aber sie ist der Moment, in dem Sinn beim Menschen aus blindem Vollzug in bewusste Gestaltung umschlägt.
Die schönste Fassung dieses Dilemmas aber stammt von Tolkien, aus einem Wortwechsel zwischen Frodo und Gandalf. Denn Tolkien benennt nicht die Lösung, sondern die ganze Menschlichkeit der Sache: dass im Grunde niemand diese Entscheidung treffen will. Frodo wünscht sich, all das wäre nicht in seiner Zeit geschehen. Gandalf antwortet sinngemäß: Das wünschen alle, die solche Zeiten erleben. Aber das zu entscheiden, steht ihnen nicht zu. Entscheidend ist nur, was wir mit der Zeit anfangen, die uns gegeben ist.
„All we have to decide is what to do with the time that is given us.“
Das ist der ganze Unterschied zwischen dem Wurm und uns. Der Wurm kann nicht entscheiden, was er mit seiner Zeit anfängt – er leuchtet, lockt, frisst, pflanzt sich fort, blind, im bloßen Vollzug. Er hat keine Wahl, und darum auch das Problem der Wahl nicht. Wir haben es. Nicht ob wir im Spiel sind, steht zur Wahl, sondern allein, wie wir es spielen. Das ist keine tröstliche Floskel, sondern eine Zumutung: Bewusstsein heißt, zur Entscheidung verurteilt zu sein. Und es ist zugleich das Einzige, was unserem Dasein einen Sinn gibt, den der Wurm nie haben kann – nicht den Sinn, den wir empfinden, und nicht den, der uns zugedacht wäre, sondern den, den wir wählen und gestalten.
Nachwort
Wer jetzt denkt: „Philosophie klingt ja doch nicht ganz so überflüssig“ — und schon die Einschreibungsseite seiner Wunsch-Uni aufgerufen hat —, den muss ich allerdings warnen. So verlockend meine Schilderung der ersten Semester klingen mag, so frustrierend ist das Studium oft genug auch. Und das Existenzphilosophie-Seminar, von dem dieser Text handelt, gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.
Der Dozent versuchte, jedes seiner Seminare aufzuwerten, indem er das Wort „analytisch“ vor den jeweiligen Philosophiezweig setzte. Wie schon erwähnt war sein „analytisch“ kein Qualitätsmerkmal, sondern das, was das „Digital Remastered“ auf der Billig-DVD einer drittklassigen Produktion ist: Eine schlichte technische Grundvoraussetzung. Sowie analoges Bildmaterial digitalisiert werden muss, um es überhaupt auf einen digitalen Datenträger zu bekommen, ist es das Mindeste, in der Philosophie Begriffe zu klären und Argumente sauber zu zerlegen. um das Niveau einer Buchclubdiskussion zu verlassen: Es ist der Pflichtschritt, nicht die Kür. Der entscheidende Unterschied ist, wie viel Mühe man sich mit diesem Schritt macht. Ebenso wie die hochwertige digitale Restauration aus einem 16-mm-Frühwerk verdeutlichen kann, warum es ein Meisterwerk ist, kann sie uns auch demonstrieren, dass schon die ersten Schritte eines späteren Blockbusterregisseurs belangloser Unfug sind, der später nur durch Produktionsschauwerte aufpoliert wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem analytischen Herangehen in diesem Seminar.
Meine evolutionsbiologische Kritik an Taylor tat der Professor mit einem einzigen Satz ab: „Da hätte wohl jemand Mitleid mit den Würmern gehabt.“ Man muss sich diesen Kurzschluss auf der Zunge zergehen lassen. Ich hatte das genaue Gegenteil von Mitleid gesagt – dass diese Würmer objektiv Großes leisten und gerade kein Mitleid verdienen. Er aber hörte „Wurm“ und verstand „Gefühl“, weil ihm die sachliche Ebene nicht einmal in den Sinn kam. Ausgerechnet der Mann, der ein ganzes Seminar der subjektiven Sinnlosigkeit widmete, war nicht in der Lage, eine objektive Funktionsaussage von einer Gefühlsregung zu unterscheiden.
Den größten Teil der Diskussion aber bestritten nicht er, sondern seine älteren Lieblingsstudenten – und sie verschwendeten ihn auf die alberne Frage, ob Sisyphos überhaupt ein adäquates Beispiel für ein sinnloses Leben sei. Das waren keine ahnungslosen Erstsemester, die noch nicht wussten, wie man denkt. Das waren Fortgeschrittene, die genau wussten, wie man tiefsinnig aussieht – und die ihre Ignoranz als Tiefsinn zur Schau stellten, weil das beim Dozenten die Eintrittskarte zur Lieblingsrolle war. Wer die Pose beherrschte, war beliebt. Wer sie störte, bekam den Wurm-Spruch.
Dabei entlarvt gerade diese Frage die doppelte Ahnungslosigkeit. Sisyphos ist in der Überlieferung der, der den Tod selbst überlistet hat – der den Todesgott fesselte und dem Hades entkam, weil er glaubte, seine Schläue überrage die der Götter. Seine Strafe ist kein willkürliches Quälen, sondern die passgenaue Antwort auf diese Hybris: Ausgerechnet der, der dem Unausweichlichen ein Schnippchen schlagen wollte, scheitert nun ewig am Unausweichlichen. Die garantierte Vergeblichkeit ist der Mythos. Wer fragt, ob das Beispiel „adäquat“ sei, ob Sisyphos den Stein nicht doch irgendwie oben halten könne, hat weder das Problem verstanden, um das es ging, noch die griechische Mythologie, über die er zu dozieren vorgab. Es ging diesen Leuten nicht um Erkenntnis. Es ging um die selbstgefällige Darstellung von Tiefsinn.
Irgendwann erkannte ich, dass der Fachbereich voll war von Dozenten dieses Schlages – Menschen, die mit einer Oberlehrerattitüde in ihre Seminare gingen und nichts anderes hören wollten als die Replikation ihrer eigenen Meinung. Solche Leute sollten besser BWL oder Jura unterrichten, Fächer, in denen es legitim ist, gesichertes Wissen weiterzugeben. Für einen Philosophen ist diese Haltung eine Bankrotterklärung. Wer zuerst von seinem Zweifel getrieben sein müsste und stattdessen nur Gewissheiten verwaltet, hat das Wesen des Fachs verraten – und kann eigentlich nur seine Nische in der Philosophiegeschichte finden. Dort kann man auch Meister sein sein dessen Werk.
Es gab aber auch das Gegenteil, und einer davon nahm meine Zwischenprüfung ab: Harald Wohlrapp. Wie der Dozent mit dem Faible für die analytische Vorsilbe war er einer der drei, die im Wechsel die Pflichtvorlesungen in formaler Logik hielten. Sein Schwerpunkt war die Argumentationstheorie – ausgerechnet die Lehre davon, wie man richtig streitet, wie man Geltung prüft und Positionen gegeneinander abwägt. Bei ihm schrieb ich, kurz vor dem Abbruch, meine Zwischenprüfung, was heute einem Bachelor entspräche.
Bei Wohlrapp waren Widerspruch und Zweifel nicht der Störfall, sondern die Grundlage des Seminars. Er schien jede Sitzung mit der Erwartung zu betreten, dass es etwas gab, das er von kritischen Studenten lernen konnte. Wie sehr das seine Haltung war, zeigte ein einziger Satz, mit dem er ein Descartes-Seminar eröffnete. Sinngemäß sagte er: „Ich weiß nicht, was Sie alles über Descartes wissen – vielleicht wissen einige von Ihnen mehr als ich. Aber ich dachte, ich beschäftige mich einmal mit ihm. Und was wäre der bessere Weg, mich ihm zu nähern, als ein Seminar gemeinsam mit Ihnen?“
Ein Kommilitone tat diesen Einstieg später ab mit den Worten: „Der hatte keine Ahnung.“
Damit hatte er, ohne es zu merken, alles gesagt – über sich, nicht über Wohlrapp. Er hörte „ich weiß es nicht“ und verstand „Inkompetenz“, weil ihm nicht in den Sinn kam, dass das offen eingestandene Nichtwissen die höchste Form intellektueller Souveränität sein könnte. Nur wer wirklich souverän ist, kann vor einem vollen Hörsaal sagen: Ich weiß es nicht, finden wir es gemeinsam heraus. Es war dieselbe Blindheit wie beim Dozenten mit seinem Wurm-Spruch, nur dieses Mal von unten: Wo Größe sich nicht als Wissen inszeniert, sehen die Selbstgefälligen nur Mangel. Sie verwechseln die Pose des Wissens mit dem Denken – und merken nicht, dass sie damit das Einzige verraten, worum es in der Philosophie je ging.
Und vielleicht ist das die ehrlichste Antwort auf die Frage vom Anfang, warum ich aufgehört habe. Es gab keinen dramatischen Bruch. Irgendwann stand ich nur an dem Punkt, an dem ich einen Grund suchen musste, weiterzumachen – und das ist bereits die Antwort. Den Titel um des Titels willen abzuschließen und mich dafür weiter mit Dozenten der ersten Sorte herumzuschlagen, war es mir nicht wert. Lukrative Berufsaussichten standen ohnehin keine in Aussicht. Und eines Tages war ich Vater und musste Geld verdienen. Das Wertvollste hatte ich da längst mitgenommen – nicht den Stoff, sondern die Fähigkeit, Probleme zu durchdenken. Den Rest hätte mir auch ein Abschluss nicht mehr gegeben.

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