Über Ehe, männlichen Verzicht und einen Backlash, mit dem offenbar niemand gerechnet hat

„The divorce rate is so high because men still want to live like their fathers did, but women no longer have to suffer like their mothers did.“

Es ist einer dieser Sätze, die für soziale Medien gemacht sind. Kurz, eingängig, moralisch vollständig sortiert. Der Vater durfte leben. Die Mutter musste leiden. Und der moderne Mann begeht nun angeblich den Fehler, weiterhin das bequeme Leben seines Vaters einzufordern, während die moderne Frau glücklicherweise nicht mehr gezwungen werden kann, das Opfer ihrer Mutter zu wiederholen.

Nur hat dieser Satz ein Problem. Eigentlich mehrere.

Schon seine Ausgangsbeobachtung stimmt nicht. Die Scheidungszahlen steigen in Deutschland nicht immer weiter – sie liegen heute rund 39 Prozent unter dem Höchststand von 2003. Gleichzeitig sind die Eheschließungen auf den niedrigsten Stand seit 1950 gefallen. Das interessantere Phänomen besteht also längst nicht mehr darin, dass immer mehr Ehen scheitern. Es besteht darin, dass immer mehr Menschen den Vertrag gar nicht erst unterschreiben.

Und deshalb lohnt es sich, diesen hübschen Eingangssatz noch einmal auseinanderzunehmen. Denn sein eigentlicher Trick steckt in zwei Wörtern: live und suffer. Der Vater lebte. Die Mutter litt. Damit ist die gesamte Geschichte der klassischen Ehe erzählt, bevor irgendein Argument ausgetauscht wurde.

War die klassische Ehe wirklich sein Paradies und ihr Gefängnis?

Natürlich gab es Frauen, die in unglücklichen Ehen wirtschaftlich gefangen waren. Es gab Gewalt, Abhängigkeit, rechtliche Benachteiligung von Frauen, die aus heutiger Sicht zu Recht beseitigt wurde. Darüber muss man nicht streiten.

Der Fehler beginnt erst dort, wo aus diesen Missständen die allgemeine Geschichte der klassischen Arbeitsteilung gemacht wird. Denn die lautete nicht einfach: Er verwirklicht sich draußen in der Welt, und sie dient ihm zu Hause. Das Arrangement war – seinem Anspruch nach – eine Spezialisierung. Der Mann trug primär die Verantwortung für die äußere, wirtschaftliche Stabilität der Familie. Die Frau trug primär die Verantwortung für deren innere Stabilität: Kinder, Haushalt, Familienorganisation und einen erheblichen Teil des sozialen Lebens.

Beide Rollen konnten Menschen furchtbar einengen. Nur haben wir gelernt, hauptsächlich eine dieser Einengungen wahrzunehmen. Wenn eine Frau wegen Mann und Kindern ihre Karriere zurückstellte, erkennen wir sofort den Verlust: Was hätte aus ihr werden können? Beim Mann wird dieselbe Frage erstaunlich selten gestellt.

Welcher Familienvater konnte sich tatsächlich frei aussuchen, ob er Drehbuchautor werden und sein halbes Leben an der Pleite entlangschrammen wollte – oder Bankangestellter, Ingenieur, IT-Spezialist oder Versicherungsvertreter wurde und dafür jeden Monat ein verlässliches Einkommen nach Hause brachte? Natürlich konnte er Drehbuchautor werden. Aber sobald mehrere Menschen wirtschaftlich von ihm abhingen, war ein Scheitern nicht mehr ausschließlich sein Risiko.

Die vermeintliche männliche Freiheit bestand deshalb häufig darin, jahrzehntelang einen sicheren, lukrativen und möglicherweise sterbenslangweiligen Beruf auszuüben, weil Miete, Eigenheim, Lebensmittel, Kleidung und eines Tages die Ausbildung der Kinder bezahlt werden mussten. Wir nennen das heute erstaunlich selten Selbstverzicht. Wir nennen es: seinen Beruf.

Der Versicherungsvertreter, der eigentlich komponieren wollte

Charles Ives verdiente sein Geld mit Versicherungen. Zusammen mit einem Partner baute er eine der größten Lebensversicherungsagenturen der USA auf und gilt bis heute als Pionier moderner Vorsorgeberatung. Das war sein Tagwerk. Sein eigentliches Werk aber war ein anderes: Ives komponierte eine der radikalsten Musiken seiner Zeit – Polytonalität, Vierteltöne, collagenhaft übereinandergelegte Melodien, Jahre bevor die europäische Avantgarde dieselben Ideen für sich beanspruchte.
Nur hörte das kaum jemand. Vieles blieb zu Lebzeiten ungespielt und lag jahrzehntelang in der Schublade. Seine dritte Sinfonie, um 1910 komponiert, wurde erst 1946 uraufgeführt und bekam 1947 den Pulitzer-Preis – da hatte Ives aus gesundheitlichen Gründen längst aufgehört zu komponieren. Als zentrale Figur der amerikanischen Musik wurde er hauptsächlich posthum entdeckt. Der Mann, der den sicheren Beruf wählte, bekam die Bestätigung seines eigentlichen Lebens erst, als er selbst kaum noch etwas davon hatte.

Ich kenne diesen Konflikt. Ich studierte Philosophie, wollte Filmemacher werden, schrieb Drehbücher, verfilmte sogar einige erste Gehversuche. Ich inszenierte Tanztheater in der Hamburger Kampnagelfabrik, machte Musik und lebte ziemlich genau so, wie junge Menschen leben, die glauben, man müsse die Welt wenigstens einmal ausprobieren, bevor man sich in ihr einrichtet.

Dann wurde meine damalige Freundin schwanger. Sie brach diese erste Schwangerschaft ab. Einer der Gründe war, dass sie mir die Vaterrolle und vor allem die notwendige Stabilität nicht zutraute. Ihre Sorge fiel nicht vom Himmel – sie kam aus ihrer eigenen Kindheit und aus Erfahrungen mit wirtschaftlicher Unsicherheit.

Ich habe unseren damaligen Konflikt später in einem Drehbuch verarbeitet. Mein Alter Ego Patrick steht darin seiner schwangeren Freundin Maria gegenüber. Er freut sich zunächst über die Schwangerschaft. Sie erinnert ihn daran, dass er doch immer davon gesprochen habe, „das Leben auszuprobieren“ und „die Welt aus den Angeln zu heben“. Patrick glaubt noch, beides verbinden zu können; Kinder bräuchten schließlich keine perfekte Pampers-Werbewelt, um glücklich aufzuwachsen. Dann stellt Maria die entscheidende Frage: Wie sieht es eigentlich auf deinem Konto aus? Und Patrick antwortet sinngemäß: Du weißt, wie viel Geld ich im EDV-Bereich verdienen kann. Zur Not werde ich mich eben stärker darauf konzentrieren.

Genau darin steckt die Entscheidung. Nicht: Ich darf jetzt Karriere machen. Sondern: Dann muss ich eben etwas anderes aus meinem Leben machen.

Nach diesem Schwangerschaftsabbruch gab es für mich praktisch keinen Film mehr. Es gab IT. Ich verbrachte die folgenden Jahre damit, aus etwas, das ich gut konnte, wirtschaftliche Stabilität zu machen. Das Absurde daran: Gerade als diese Entscheidung begann, finanziell aufzugehen, zerbrach unsere Beziehung.

Das ist eine persönliche Geschichte und kein gesellschaftswissenschaftlicher Beweis. Aber sie illustriert einen Teil traditioneller männlicher Biografien, den unsere heutige Geschlechtererzählung erstaunlich schlecht erkennt: Auch Männer haben Lebensentwürfe für Familie begraben.

George Bailey wollte nie George Bailey werden

Vielleicht gibt es dafür kaum ein besseres kulturelles Beispiel als Frank Capras It’s a Wonderful Life.

George Bailey will Bedford Falls verlassen. Er will reisen, studieren, Architekt und Ingenieur werden, große Dinge bauen, die Welt sehen. Und immer wieder bleibt er. Weil sein Vater stirbt. Weil die Building & Loan gerettet werden muss. Weil andere Menschen von ihm abhängig sind. Weil er heiratet. Weil er Kinder bekommt.

Am Ende seines Erwachsenenlebens ist George Bailey ziemlich genau das geworden, was der junge George Bailey niemals werden wollte: ein lokaler Geschäftsmann in Bedford Falls, der seine eigenen Pläne immer wieder zurückgestellt hat, weil die Stabilität anderer Menschen von ihm abhing.

Und dann scheint durch einen verhängnisvollen Fehler innerhalb weniger Stunden alles zusammenzubrechen. Geld ist verschwunden. Die Building & Loan steht vor dem Ruin. George drohen Skandal, Bankrott und möglicherweise Gefängnis. Damit gerät er nicht einfach in eine finanzielle Krise, sondern in eine existenzielle. Denn plötzlich steht die Frage im Raum, die er sich sein ganzes Erwachsenenleben nicht stellen durfte: Wofür habe ich das eigentlich alles aufgegeben?

Er ist nicht um die Welt gereist. Er hat keine Brücken und Wolkenkratzer gebaut. Er hat Bedford Falls nicht verlassen. Er hat stattdessen Rechnungen bezahlt, Verantwortung übernommen, anderen Menschen Kredite ermöglicht, eine Familie versorgt und immer wieder seine eigenen Pläne zurückgestellt. Und nun scheint selbst dieser Lebensentwurf gescheitert. Seine Kinder werden, so glaubt er in diesem Moment, trotzdem in Armut aufwachsen; seine Familie muss mit seinem vermeintlichen Versagen leben; alles, was er geopfert hat, scheint bedeutungslos geworden zu sein.

George verzweifelt deshalb nicht einfach daran, dass er kein erfolgreicher Architekt geworden ist. Damit hatte er sich längst arrangiert. Er verzweifelt an der Vorstellung, dass sein Verzicht keinen Wert gehabt haben könnte. Und schließlich kommt er zu dem Schluss, dass seine Familie und vielleicht die ganze Welt besser dran gewesen wären, wenn es ihn niemals gegeben hätte.

George bekommt etwas, das nicht jeder bekommt

Dann geschieht das Entscheidende des Films. George Bailey bekommt ein Happy End.

Clarence zeigt ihm, was seine Existenz für andere Menschen bedeutet hat. Mary steht zu ihm. Seine Kinder bleiben seine Kinder. Seine Freunde kommen. Die Menschen, für die George jahrzehntelang Verantwortung getragen hat, tragen nun ihn. Sein Bruder nennt ihn schließlich den reichsten Mann der Stadt. George bekommt damit die vielleicht wichtigste Bestätigung seines Lebens: Wir haben gesehen, was du für uns getan hast. Es war nicht umsonst.

Deshalb funktioniert dieses Ende so überwältigend. Nicht weil George entdeckt, dass Selbstaufgabe wunderbar sei, sondern weil ihm bestätigt wird, dass sein Verzicht Bedeutung hatte.

Doch wie viele Menschen bekommen nach dem Scheitern ihrer Familie dieses George-Bailey-Ende? Denn nach einer Scheidung kann etwas ganz anderes passieren. Nicht nur die gemeinsame Zukunft verschwindet – auch die gemeinsame Vergangenheit kann nachträglich umgeschrieben werden.

Der sichere Beruf, den man gewählt hat, weil eine Familie davon leben sollte, war plötzlich nur noch „deine Karriere“. Die Arbeitsstunden, mit denen Haus, Urlaube, Autos und Kinder finanziert wurden, werden zu „du warst ohnehin nie da“. Die Entscheidung, den riskanten Traum zugunsten eines verlässlichen Einkommens aufzugeben, erscheint nicht länger als Teil einer gemeinsamen Arbeitsteilung, sondern als „das wolltest du doch selbst“. Und der wirtschaftliche Erfolg, der ursprünglich Mittel für ein gemeinsames Familienprojekt war, wird rückblickend sogar zum Beweis dafür, dass eigentlich er der privilegierte Teil der Beziehung gewesen sei.

Damit geschieht etwas, das weit über finanziellen Verlust hinausgeht. Das Opfer selbst wird entwertet. Es ist nicht die Regel – aber es ist ein reales Risiko, das häufig genug eintritt, um ernst genommen zu werden. Besonders zerstörerisch wird es bei hochkonflikthaften Trennungen: Wenn ein ehemaliger Partner die gemeinsame Vergangenheit vollständig neu interpretiert, wenn der Kontakt zu den Kindern erschwert wird oder wenn aus dem bisherigen Vater im Familienalltag zunehmend ein Besucher und Unterhaltszahler wird, kann aus George Baileys Geschichte ihr dunkles Gegenstück werden.

Der Mann hat Bedford Falls nicht verlassen. Er hat die Weltreise abgesagt, die Building & Loan übernommen, die Hypothek bezahlt, seinen Traum gegen Stabilität eingetauscht. Nur steht am Ende niemand im Wohnzimmer. Schlimmer noch: Vielleicht wird ihm erklärt, sein Engagement sei gar kein Opfer gewesen. Er habe lediglich Karriere gemacht. Seine Abwesenheit während der Arbeit sei sein Versagen gewesen. Die Familie habe trotz seiner Leistung funktioniert – nicht wegen ihr.

George Bailey bekommt am Ende seine Lebensbilanz zurück. Ein Geschiedener kann genau das Gegenteil erleben. Und vielleicht besteht das moderne männliche Eherisiko deshalb nicht hauptsächlich darin, nach einer Scheidung Geld zu verlieren. Vielleicht besteht es darin, eines Tages festzustellen: Ich habe George Baileys Leben gelebt – nur ohne George Baileys Happy End.

Freiheit ohne Schuldfrage

An dieser Stelle wird aus einer persönlichen Tragödie eine institutionelle Frage.

Deutschland traf 1977 eine nachvollziehbare und wichtige Entscheidung: Eine Ehe darf kein Gefängnis sein. Mit der Eherechtsreform wurde das Verschuldensprinzip durch das Zerrüttungsprinzip ersetzt. Nicht mehr die Frage, wer das Scheitern der Ehe verschuldet hatte, sollte grundsätzlich über die Scheidung entscheiden, sondern die Frage, ob die Ehe endgültig gescheitert war. Der Grundgedanke ist liberal und richtig: Niemand sollte gezwungen werden, mit einem anderen Menschen verheiratet zu bleiben.

Doch mit diesem Paradigmenwechsel wurde noch etwas anderes verändert. Die partnerschaftliche Verantwortung für das Scheitern der Ehe wurde weitgehend von den wirtschaftlichen Scheidungsfolgen getrennt. Und genau darin steckt ein Problem, über das erstaunlich wenig gesprochen wird. Denn ein gemeinsames Lebensprojekt besteht nicht nur aus Geld.

Nehmen wir eine klassische Ehe. Sie sagt: Ich reduziere meine Erwerbsarbeit und kümmere mich stärker um Kinder und Familie. Er sagt: Ich reduziere meine berufliche Freiheit und kümmere mich stärker um Einkommen und wirtschaftliche Stabilität. Beide investieren.

Wenn die Ehe zerbricht, erkennt unser Recht einen Teil dieser Investitionen sehr deutlich. Hat ein Ehepartner wegen der Ehe berufliche Chancen aufgegeben oder reduziert, werden solche ehebedingten Nachteile grundsätzlich berücksichtigt. Zu Recht.

Aber was ist mit dem anderen Verzicht? Was ist mit dem Mann, der niemals erfahren wird, ob aus ihm ein guter Regisseur geworden wäre? Der nicht ausgewandert ist? Der das riskante Unternehmen nicht gegründet hat? Der nicht drei Tage pro Woche gearbeitet hat, sondern sein Einkommen maximiert hat, weil eine Familie darauf vertrauen sollte?

Dieser nicht gelebte Lebensweg lässt sich kaum berechnen. Also wird er wirtschaftlich zu null. Mehr noch: Das Einkommen, das Ergebnis dieses Verzichts ist, wird anschließend gerade zum Maßstab seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Das ist eine bemerkenswerte Bewertungsasymmetrie. Der Erwerbsverzicht des einen wird als ehebedingtes Opfer erkannt. Der Selbstverwirklichungsverzicht des anderen erscheint als Einkommen.

Das Problem war nicht, Frauen Freiheit zu geben.

Hier liegt auch meine Kritik an einer bestimmten feministischen Erzählung der vergangenen Jahrzehnte. Nicht darin, dass Frauen aus schlechten Ehen herauskommen können – natürlich müssen sie das können. Nicht darin, dass Frauen eigenes Geld verdienen, Berufe wählen oder über ihr eigenes Leben entscheiden dürfen – selbstverständlich müssen sie das können.

Problematisch wird es dort, wo die klassische westliche Ehe rückblickend fast so erzählt wird, als sei sie ihrem Wesen nach eine Herr-Knecht-Beziehung gewesen: ein System, in dem der Mann sämtliche Vorteile genoss und die Frau sämtliche Kosten trug. In dieser Karikatur ähnelt jede traditionelle Arbeitsteilung plötzlich einer patriarchalen Zwangsehe, obwohl zwischen beiden Welten erhebliche Unterschiede liegen.

Frauen waren rechtlich benachteiligt, und diese Benachteiligungen mussten beseitigt werden. Aber daraus folgt nicht, dass jede Frau, die Haushalt und Kinder übernahm, Opfer ihres Mannes war – und noch weniger folgt daraus, dass dessen Verpflichtung, für die wirtschaftliche Existenz der Familie einzustehen, ein Privileg gewesen wäre. Es war hauptsächlich erst einmal Verantwortung.

Die interessantere Reformfrage wäre deshalb gewesen: Wie geben wir Menschen maximale Freiheit, eine unzumutbare Partnerschaft zu verlassen, ohne gleichzeitig den Gedanken gegenseitiger Verantwortung für gemeinsam getroffene Lebensentscheidungen aufzulösen? Stattdessen wurde individuelle Freiheit sehr gründlich ausgestaltet. Die Frage nach Reziprozität weit weniger.

Gemeinsame Sorge ist noch keine gemeinsame Elternschaft

Bei den Kindern zeigt sich dieses Problem besonders deutlich. Seit der Kindschaftsrechtsreform 1998 endet die gemeinsame elterliche Sorge nach einer Scheidung grundsätzlich nicht automatisch. Das klingt nach gemeinsamer Elternschaft. Aber gemeinsame Sorge ist primär gemeinsame rechtliche Entscheidungsverantwortung. Sie bedeutet nicht automatisch, dass ein Kind nach einer Trennung annähernd gleich viel bei beiden Eltern lebt.

Wirtschaftlich arbeitet das deutsche Recht weiterhin stark mit einem anderen Grundmodell: Einer betreut, einer zahlt. Das Problem daran zeigt sich besonders bei umfangreicher Mitbetreuung. Ein Vater kann 30, 40 oder sogar annähernd 45 Prozent der tatsächlichen Betreuung übernehmen und trotzdem unterhaltsrechtlich weiterhin wesentlich als der barunterhaltspflichtige Elternteil behandelt werden.

Er hält ein Kinderzimmer vor. Er kauft Lebensmittel. Er benötigt Kleidung und Ausstattung. Er übernimmt Fahrten, organisiert Freizeit, macht Hausaufgaben, betreut bei Krankheit. Und seine Betreuungszeit begrenzt genauso seine verfügbare Erwerbszeit. Das sind keine Besuchskosten. Das ist Elternschaft.

Trotzdem folgt die wirtschaftliche Anerkennung dieser Elternschaft keineswegs proportional dem tatsächlichen Betreuungsanteil. Erst wenn man sich einem paritätischen Wechselmodell nähert, verändert sich die unterhaltsrechtliche Logik grundlegend. Das erzeugt einen merkwürdigen Sprung: 45 Prozent Betreuung sind ökonomisch schließlich nicht plötzlich fast wertlos, nur weil sie keine 50 Prozent sind. Die Ehe wurde modernisiert. Die männliche Ernährerrolle hat dagegen bemerkenswerte Überlebenskräfte entwickelt.

Ein seltsames Verständnis von Gleichberechtigung

Das führt zu einer Konstellation, die man zumindest einmal aus männlicher Perspektive betrachten sollte.

Vor der Trennung lautet die gesellschaftliche Erwartung: Sei ein moderner Vater. Sei emotional präsent. Wechsle Windeln. Geh zum Elternabend. Übernimm Betreuung. Sei Partner auf Augenhöhe. Und natürlich: Trag deinen Teil zur wirtschaftlichen Sicherheit bei.

Nach der Trennung kann das System dann plötzlich sagen: Gemeinsames Sorgerecht hast du weiterhin, du darfst bei wesentlichen Entscheidungen mitreden. Aber der Lebensmittelpunkt der Kinder liegt beim anderen Elternteil, deine Betreuungszeit kann deutlich geringer werden, und wirtschaftlich bist du weiterhin in erheblichem Umfang derjenige, der zahlt.

Das ist keine überzeugende Vorstellung gleichberechtigter Elternschaft. Es erhält einen wesentlichen Teil der traditionellen männlichen Verantwortung, ohne ihm zwingend eine entsprechend starke alltägliche Elternrolle gegenüberzustellen.

Und genau hier kommt George Bailey wieder ins Spiel. Denn Geld war nie der eigentliche Sinn seiner Geschichte. Menschen waren es. Was wäre sein Happy End wert, wenn Clarence ihm am Ende gesagt hätte: Mary möchte mit jemand anderem leben. Die Kinder siehst du jedes zweite Wochenende. Für die wichtigen Entscheidungen wirst du selbstverständlich weiterhin gefragt. Und hier ist die Kontonummer für den Dauerauftrag. — Das wäre ein anderer Film.

Der wirkliche Backlash

Und damit kommen wir zu einem Phänomen, das möglicherweise viel interessanter ist als die ewige Behauptung, Männer wollten ihre patriarchalen Privilegien zurück. Was geschieht eigentlich, wenn Männer anfangen, die Rechnung selbst aufzumachen?

Denn ein einzelner Mann ist erstaunlich billig. Er benötigt keine Vierzimmerwohnung, kein Haus im guten Schulbezirk, keine drei Kinderzimmer, keinen Familienkombi, keine Klassenfahrten, keine Zahnspangen, keine Studienfinanzierung, keine fünf Flugtickets für den Sommerurlaub. Er muss nicht mehrere Menschen gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Krisen absichern. Für ein durchaus angenehmes Leben benötigt ein alleinstehender Mann häufig einen Bruchteil dessen, was ein Familienvater erwirtschaften muss.

Und plötzlich verändert sich die Rechnung. Warum den Job für 80.000 € nehmen, der das Leben auffrisst, wenn 40.000 € für das eigene Leben völlig ausreichen? Warum Führungskraft werden? Warum Personalverantwortung? Warum abends noch Mails beantworten? Warum den lukrativen, aber karmatechnisch vollkommen irrelevanten Job wählen, wenn niemand davon abhängt, dass man genau diesen Job macht?

Für George Bailey gab es darauf eine Antwort: Bedford Falls. Mary. Die Kinder. Das Haus. Die Menschen, für die sein Einkommen, seine Verlässlichkeit und sein Verzicht einen Sinn hatten. Entfernt man diese Antwort, bleibt von der Hochleistungskarriere für viele Männer möglicherweise nur: mehr Geld, als sie selbst brauchen. Und Geld allein ist ein erstaunlich schwacher Lebenszweck.

Vielleicht verstehen wir den „Low Performer“ falsch

An dieser Stelle muss man sauber zwischen Beobachtung und These unterscheiden. Die Daten zeigen nicht, dass Männer massenhaft aufgehört hätten, zu arbeiten. Sehr wohl sehen wir aber seit Jahren einen männlichen Rückstand in Teilen des Bildungssystems und eine zunehmende Diskussion darüber, warum gerade junge Männer weniger erfolgreich Bildungswege durchlaufen oder sich von klassischen Statuskarrieren abwenden.

Daraus folgt nicht: Scheidungsrecht macht Jungen zu schlechten Schülern. Das wäre Unsinn. Aber vielleicht sollten wir uns eine bislang selten gestellte Frage erlauben: Hat sich der gesellschaftliche Ertrag männlicher Hochleistung verändert?

Vielleicht optimiert der vermeintliche „Low Performer“ nämlich einfach auf ein anderes Ziel. Genügend Geld. Genügend Freizeit. Freunde, Sport, Computerspiele, Motorradfahren, Reisen, Sex. Ein Leben, das ihm gehört. Wer keine Familie ernähren will, muss nicht wie ein Familienernährer arbeiten. Und wer für sich entschieden hat, dass Kinder nicht Teil dieses Lebens sein sollen, kann diese Entscheidung heute sogar dauerhaft machen. Dann stehen am Ende der männlichen Erfolgskurve vielleicht nicht mehr automatisch Ehe, Eigenheim und Nachwuchs, sondern Freizeit, Unabhängigkeit und irgendwann eine Vasektomie.

Man kann das unreif finden. Man kann es egoistisch finden. Eine Gesellschaft, die Fachkräfte, Unternehmer, Ingenieure, Ärzte, Führungskräfte und Väter braucht, kann es sogar ausgesprochen problematisch finden. Nur sollte sie dann nicht so tun, als sei die Bereitschaft, solche Lasten zu übernehmen, eine männliche Natureigenschaft. Männer wurden nicht mit einem biologischen Drang geboren, Versicherungsvertreter zu werden. Sie arbeiteten nicht sechzig Stunden pro Woche, weil Excel-Tabellen ihre Seele erfüllten. Sie taten es häufig, weil sich beruflicher Erfolg in etwas übersetzen ließ, das ihnen wichtiger war als der Beruf selbst: in Sicherheit für Menschen, die sie liebten.

Vielleicht wollen Männer gar nicht ihre Großmütter zurück

Damit komme ich wieder zum Ausgangssatz. Ich glaube nicht, dass Männer massenhaft Frauen suchen, die morgens schweigend das Frühstück servieren, mittags die Hemden bügeln und abends dem Hausherrn die Pantoffeln bringen. Vielleicht steckt hinter der gelegentlichen Sehnsucht nach den Ehen der Eltern- und Großelterngeneration etwas anderes. Nicht Unterordnung, sondern Reziprozität.

Die Gewissheit: Wenn ich für uns auf etwas verzichte, dann behandelst du diesen Verzicht ebenfalls als Investition in uns. Wenn ich den sicheren Beruf statt meines Traumberufs wähle, ist das nicht einfach meine Karriereentscheidung. Wenn du deine Erwerbsarbeit für unsere Kinder reduzierst, ist das nicht einfach deine persönliche Entscheidung. Wir haben Entscheidungen getroffen, die wir ohne einander anders getroffen hätten. Und deshalb schulden wir einander zumindest die Anerkennung, dass diese Opfer existierten.

Das klassische Ehemodell war nicht automatisch gerecht; seine Starrheit konnte Menschen auf beiden Seiten zerstören. Aber vielleicht bestand ein Teil seiner Stabilität gerade in der Erwartung: Wir sind füreinander verantwortlich. Der moderne Individualismus – und mit ihm wesentliche Teile der feministischen Emanzipationsgeschichte – haben sehr überzeugend erklärt, warum niemand gezwungen werden darf, sein Leben für einen anderen Menschen aufzugeben. Er hat sehr viel weniger überzeugend beantwortet, warum jemand es freiwillig tun sollte.

Der Backlash, mit dem niemand gerechnet hat

Vielleicht ist genau das der wirkliche Backlash. Nicht die Wiederkehr des Patriarchats. Nicht Männer, die Frauen zurück an den Herd schicken wollen. Sondern Männer, die anfangen, die traditionelle männliche Rolle ebenfalls zu kündigen.

Der Großvater nahm den langweiligen, sicheren Job, weil Frau und Kinder Sicherheit benötigten. Der Enkel schaut auf sein eigenes Leben, rechnet kurz nach und stellt fest: Für mich reicht weniger. Dann arbeitet er weniger, verdient weniger, übernimmt weniger berufliche Verantwortung, benötigt kein Eigenheim, keinen Siebensitzer, keine sechzig Stunden – und lebt womöglich trotzdem genauso, wie er leben möchte.

Wir können ihn einen Low Performer nennen. Aber vielleicht sollten wir vorher fragen: Low Performance – gemessen an wessen Ziel? Vielleicht hat dieser Mann gar nicht aufgehört, sein Leben zu optimieren. Vielleicht hat er lediglich aufgehört, es für eine Rolle zu optimieren, deren Gegenleistung er nicht mehr für sicher hält.

Man kann nicht jahrzehntelang erklären: Du bist frei. Niemand schuldet einem anderen sein Leben. Verwirkliche dich selbst. – und anschließend überrascht sein, wenn Männer antworten: Okay. Mache ich. Das wäre ein bemerkenswert ironischer Backlash. Nicht Männer, die wieder wie ihre Großväter leben wollen. Sondern Männer, die entdecken, dass sie es nicht mehr müssen.

Wenn wir wollen, dass Männer George Bailey werden

Die Antwort darauf kann nicht darin bestehen, Männer wieder in eine traditionelle Versorgerrolle zu zwingen. Und sie kann ebenso wenig darin bestehen, Frauen die Möglichkeit zu nehmen, schlechte Beziehungen zu verlassen. Beides wäre absurd. Aber man könnte anfangen, Familie wieder als tatsächlich gemeinsames Projekt zu behandeln.

Ein erster Schritt wäre erstaunlich banal: Männer nach einer Trennung nicht aus der alltäglichen Elternschaft herausfallen zu lassen. Gemeinsames Sorgerecht allein genügt dafür nicht. Ein Vater, der bei der Schulwahl unterschreiben darf, seine Kinder aber nur wenige Tage im Monat im Alltag erlebt, hat keine gleichberechtigte Elternschaft.

Wenn wir Gleichberechtigung ernst meinen, müsste die Ausgangsannahme nach einer Trennung vielmehr lauten: Beide Eltern bleiben für Betreuung, Erziehung und Finanzierung gleichermaßen verantwortlich. Nicht zwangsläufig mathematisch 50:50 — Lebensrealitäten lassen sich nicht mit der Stoppuhr organisieren. Aber eine annähernd gleichwertige Beteiligung an der alltäglichen Fürsorge sollte der Normalfall sein, solange konkrete Gründe nicht dagegen sprechen. Und die finanzielle Verantwortung müsste der tatsächlichen Betreuung wesentlich kontinuierlicher folgen. Es ist schwer zu erklären, warum umfangreiche Mitbetreuung erst bei ungefähr 50 Prozent plötzlich wirtschaftlich relevante Elternschaft werden soll.

Dass das kein bloßes Gedankenexperiment ist, zeigt ein Blick über den Atlantik. Kentucky machte 2018 als erster US-Bundesstaat die annähernd gleiche Betreuung durch beide Eltern zum gesetzlichen Regelfall — abweichbar, wo das Kindeswohl es verlangt. In den Jahren danach sank die Scheidungsrate dort deutlich stärker als im US-Durchschnitt. Der Gedanke dahinter ist bestechend: Wenn eine Trennung nicht länger bedeutet, die eigenen Kinder zu verlieren, verändert das, wie Menschen in der Krise miteinander umgehen. Und er reicht noch weiter. Das alte Modell belohnte den Ausstieg: Wer die Kinder, die Wohnung und die finanzielle Absicherung im Wesentlichen mitnahm, konnte den anderen mit der Trennung zugleich aus dem eigenen Leben schieben. Geteilte Elternschaft nimmt diese Prämie heraus. Wer sich mit dem Ex-Partner ohnehin als gleichberechtigter Elternteil weiter abstimmen muss und die finanziellen Vorteile des alten Systems nicht mehr hat, überlegt womöglich gründlicher, ob die Trennung wirklich die sinnvollste Lösung ist. Nicht, weil man in einer schlechten Ehe bleiben müsste — sondern weil die Rechnung ehrlicher wird.

Man muss dafür nicht einmal in die USA schauen. Als Deutschland 1998 die gemeinsame Sorge zum Regelfall machte, evaluierte der Jurist Roland Proksch die Reform im Auftrag des Bundesjustizministeriums. Sein Befund: Konflikte und Kontaktabbrüche gingen deutlich zurück, und Väter mit gemeinsamer Sorge zahlten sogar zuverlässiger Unterhalt als solche ohne. Vor allem aber zeigte Proksch, dass der eigentliche Konflikt gar nicht zwischen Müttern und Vätern verläuft, sondern zwischen dem Elternteil, bei dem das Kind lebt, und dem, bei dem es nicht lebt. Es ist die Struktur, die den Streit erzeugt — nicht das Geschlecht. Wer die Struktur ändert, ändert den Streit. Und wer lügt, um den anderen aus dem Leben der Kinder zu drängen, gefährdet das Kindeswohl — und sollte das zu spüren bekommen.

Gerade für Männer wäre eine solche Reform weit mehr als eine Änderung der Unterhaltsformel. Sie würde etwas Wesentliches signalisieren: Wenn deine Ehe scheitert, scheitert nicht automatisch deine Vaterschaft. Deine Kinder bleiben Bestandteil deines Alltags. Deine bisherige Investition in Familie wird nicht dadurch sinnlos, dass die Paarbeziehung endet. Du wirst nicht vom Vater zum Besucher mit Dauerauftrag.

Denn die schlimmste Lebensbilanz nach zwanzig Jahren Familie lautet wahrscheinlich nicht: Ich habe viel Geld verloren. Sie lautet: Ich habe mein Leben für eine Familie organisiert — und nach der Trennung blieb von meiner Rolle darin fast nur noch die Rechnung übrig.

Wer von Männern erwartet, Verantwortung für Familien zu übernehmen, sollte deshalb dafür sorgen, dass diese Verantwortung nach einer Trennung nicht auf ihre finanzielle Dimension reduziert wird. Gleichberechtigung kann nicht nur bedeuten, dass Frauen wirtschaftlich nicht mehr von Männern abhängig sein müssen, während Männer nach dem Ende der Ehe weiterhin finanziell in die Pflicht genommen werden. Sie muss ebenso bedeuten, dass Männer in der Fürsorge ihrer Kinder nicht entbehrlich gemacht werden. Wenn der Ehevertrag gekündigt wird, darf deshalb nicht nur geregelt werden, was der Mann weiterhin zahlen muss. Es muss ebenso geregelt werden, wie seine Rolle als Vater erhalten und neu gestaltet wird. Nicht einen betreuenden und einen zahlenden Elternteil produzieren. Sondern zwei Eltern.

George Bailey blieb in Bedford Falls, weil die Menschen dort seinem Verzicht einen Sinn gaben. Wenn wir wollen, dass Männer auch morgen noch solche Entscheidungen treffen, reicht es nicht, ihnen zu sagen, sie sollten sich gefälligst mehr anstrengen. Wir müssen ihnen einen überzeugenden Grund geben, warum sich dieses Opfer lohnt. Denn vielleicht hat der junge Mann, der heute lieber Motorrad fährt, weniger arbeitet und nur genug für sein eigenes Leben verdient, die Botschaft unserer Zeit längst besser verstanden als wir: Warum sollte er George Bailey werden, wenn niemand mehr versprechen kann, dass sein Opfer irgendeinen bleibenden Wert für ihn hat?

11 Antworten zu „Warum junge Männer die Versorgerrolle kündigen“

  1. Avatar von beweis

    Wer von Männern erwartet, Verantwortung für Familien zu übernehmen

    Das ist heutzutage nicht mehr die Erwartung. Männer werden nach Düsseldorfer Tabelle gemolken – und fertig. Die eigentliche Vaterschaft übernimmt im Trennungsfall mittlerweile der Staat als mächtiger Gemahl der Mutter. Klassische Familie ist inzwischen als souveräne Keimzelle der Gesellschaft weitgehend entkernt. Zumindest in den Großstädten.

    Ich kenne viele solcher selbstbestimmten wirtschaftlichen Lowperformer, zähle mich auch gerne selbst dazu. Mein Kind lebt maßgeblich unter der Rigide von Mutter und Staat, ich überweise artig und pünktlich. Und mit dem Rest versuche ich als MGTOW, es mir halbwegs gemütlich zu machen. Dazu brauche ich nicht viel. Es fehlt mir auch nichts – außer manchmal mein Kind. Aber das ist zum Glück auch schon bald flügge.

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    1. Avatar von Fatherleft

      Ich bin auch immer wieder erstaunt, wenn ein Thema wie „Regretting Fatherhood“ auf nicht durchgeschlafene Nächte, fehlende Freizeit und ähnliche Oberflächlichkeiten reduziert wird. Fast so, als dürften Männer nur über dieselben Belastungen sprechen, über die man bei „Regretting Motherhood“ zu reden gewohnt ist.

      Dabei können die Gründe für männliches Bedauern nach einer Trennung viel existenzieller sein.

      Ein Mann kann jahrelang sein Berufsleben darauf ausgerichtet haben, wirtschaftliche Stabilität für eine Familie herzustellen – und nach der Trennung feststellen, dass von seiner Vaterschaft familienrechtlich oft vor allem der Dauerauftrag übrigbleibt.

      Und selbst der naheliegende Gedanke:

      „Dann mache ich jetzt eben das, worauf ich die letzten zwanzig Jahre verzichtet habe.“

      funktioniert nicht ohne Weiteres.

      Denn wer gegenüber minderjährigen Kindern unterhaltspflichtig ist, unterliegt einer gesteigerten Erwerbsobliegenheit. Wer seine Erwerbstätigkeit ohne ausreichenden Grund reduziert, kann unter bestimmten Voraussetzungen sogar so behandelt werden, als verdiene er weiterhin ein höheres, fiktiv erzielbares Einkommen.

      Das erzeugt eine ziemlich bittere Situation:

      Vor der Familie verzichtest du vielleicht auf einen Teil deiner Selbstverwirklichung, um Versorgungssicherheit herzustellen. Nach dem Ende der Familie kannst du nicht einfach sagen: Dann verzichte ich jetzt eben auf diese Einkommensmaximierung und hole mein anderes Leben nach.

      Die wirtschaftliche Rolle kann dich wesentlich länger begleiten als die alltägliche Familienrolle.

      Vor diesem Hintergrund überrascht mich auch ein Befund nicht, den man zumindest ernst nehmen sollte: Eine 2025 im Psychological Bulletin veröffentlichte Meta-Analyse über 75 Studien aus 30 Ländern mit Daten zu mehr als 100 Millionen Männern fand bei getrennten oder genauer gesagt geschiedenen Männern gegenüber verheirateten Männern deutlich höhere Risiken für Suizidgedanken, Suizidversuche und Suizidtod. Besonders hoch war das Risiko unmittelbar nach der Trennung.

      Natürlich beweist das nicht, dass Unterhaltsrecht oder eingeschränkter Kinderkontakt diese Zahlen verursachen. Beziehungsscheitern bringt viele Belastungen gleichzeitig mit sich.

      Aber vielleicht sollten wir aufhören, männliches Bedauern über Vaterschaft oder Familie so zu behandeln, als gehe es hauptsächlich darum, dass jemand nachts dreimal wegen eines schreienden Babys aufstehen musste.

      Für manche Männer dürfte die viel härtere Frage lauten:

      Wofür habe ich eigentlich all das aufgegeben, wenn nach der Trennung meine Versorgungspflicht bestehen bleibt, meine alltägliche Rolle als Vater aber nicht?

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      1. Avatar von beweis

        Wenn es doch wenigstens eine Versorgungspflicht für die Kinder wäre. Es ist aber eine Überweisungspflicht an die Mutter häufig unter Aufsicht des Staates.

        Das Kind versteht nur, dass der Vater weg ist. Und wirft ihm das nicht selten auch noch vor. Dass der arbeitet, ggf. unter gesteigerter Erwerbsobliegenheit, bekommt das Kind gar nicht mit. Es erkennt vielleicht gerade mal, dass der Vater nur gemäß den Vorgaben der Mutter (+Gericht oder +Jugendamt) präsent sein oder eine Vaterrolle erfüllen kann und darf. Trotzdem ist er weg und nur ein Ab-und-zu-Papa. All das ist eine zusätzliche Entwertung des Vaters und eine meiner Ansicht nach erwünschte Schwächung der Kind-Vater-Bindung.

        Dass entsorgte Väter häufig keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen und in Alkohol, Suizid oder unter der Brücke landen, ist in diesem Kontext nicht verwunderlich.

        Wofür leben sie, wenn sie ihr Leben auf die Familie ausgerichtet hatten, die dann aber plötzlich weg ist? Und stattdessen nur noch Forderungen reinprasseln.

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  2. Avatar von Kuratüre KW 32/2026 – Der Beweis

    […] Warum junge Männer die Versorgerrolle kündigen […]

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  3. Avatar von Hans Alef

    Genau diese väterfeindliche Entwicklung habe ich schon in den 80ern intuitiv gespürt und bin dann nach der Kündigung meines Lebenszeitbeamtenjobs präventiv Hausmann geworden. Die Erziehung meiner Kinder von Geburt an in 24/7 war die schönste und sinnvollste Tätigkeit die ich jemals gemacht habe – gerade im Vergleich zu meinem alten Bürobullshitjob.

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  4. Avatar von Fatherleft

    Ich habe noch einmal den Abschluss etwas angepasst.

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  5. Avatar von Care-Arbeit: Anatomie eines Unworts – Der Sexismusbeauftragte informiert

    […] um selbst bequem davon zu leben, und sich um den Rest nicht kümmerte? Darüber habe ich an anderer Stelle geschrieben, und die Antwort war wenig erbaulich: Das ganze Arrangement bricht zusammen. Nur würde diesen […]

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  6. Avatar von Linkschleuderei vom 13. August 2026 – betonflüsterer

    […] Der Sexismusbeauftragte informiert: Warum junge Männer die Versorgerrolle künden […]

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  7. Avatar von ClaudiaBerlin

    Ein richtig guter Artikel, der sehr viele Aspekte einbezieht und fair behandelt!

    „Die vermeintliche männliche Freiheit bestand deshalb häufig darin, jahrzehntelang einen sicheren, lukrativen und möglicherweise sterbenslangweiligen Beruf auszuüben, weil Miete, Eigenheim, Lebensmittel, Kleidung und eines Tages die Ausbildung der Kinder bezahlt werden mussten.“

    Genau das wird in Zukunft sowieso nicht mehr funktionieren, wenn KI wesentliche Teile der White-collar-Jobs überflüssig gemacht haben wird. Ich lese diesen Artikel auch als eine Art Kommentar zu einem Blogpost, der davon handelt, dass Studierende heute eben nicht mehr das von der Zukunft erwarten, was ihre Eltern und Großeltern noch selbstverständlich fanden:„Das Erreichen eines Lebensstandards, der in den Fünzigern, Sechzigern, ja, wahrscheinlich auch noch in den Siebzigern zumindest noch propagiert wurde, eine Art Ideal darstellte und, zumindest in einigen Fällen, erreichbar schien, ist zur Illusion geworden. Wer aber nicht mehr an die Zukunft glaubt, unternimmt auch keine Anstrengung.“ (Quelle)

    Ich sehe das weniger pessimistisch, sondern als (ok, oft ungewollte) Befreiung von lebenslang ungeliebten Berufswegen!

    Im übrigen: Weltweit wachsen vielerorts Kinder unter weit weniger abgesicherten Verhältnissen auf – dass wir aussterben, fürchte ich nicht wirklich. Dass wir weniger werden, ist insgesamt für den Planeten garnicht schlecht.

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    1. Avatar von Fatherleft

      Ich glaube auch nicht, dass wir aussterben, aber ich glaube, dass wir Familie wieder als Gemeinschaftsprojekt begreifen müssen.

      Gefällt 1 Person

  8. Avatar von cheerfullyturtle97f70af4e5
    cheerfullyturtle97f70af4e5

    Feministische Irrtümer:

    „Es sind die Männer, die an überholten Geschlechterrollen festhalten.“

    https://lnkd.in/eUznrZr

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