Neue Medien(kompetenz) braucht das Land
Dass Eltern sich um ihren Nachwuchs sorgen, ist vermutlich die älteste Sorge der Menschheitsgeschichte. „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht ihren Eltern, schlägt die Beine übereinander und tyrannisiert ihre Lehrer“ — dieser Stoßseufzer wird gern Sokrates zugeschrieben. Und wir glauben es gern, weil er so universell klingt: Jede Elterngeneration macht sich eben massive Sorgen um die Entwicklung ihrer Kinder und um die gesellschaftlichen Risiken ihrer Zeit.
Dabei geht der Satz in Wahrheit auf Kenneth John Freeman zurück, der 1907 in seiner Doktorarbeit die typischen Klagen der Antike über die Jugend zusammenfasste — in eigenen Worten und ganz ohne Sokrates. Dass die wenigsten das wissen, bestätigt nur die Weisheit Leonardo da Vincis, der schon 1423 mahnte: „Das Problem am Internet ist, dass man nie weiß, wem man glauben kann.“
Und in einer Zeit, in der KI-Videos überzeugend echt zeigen, wie Donald Trump mit einem Eisbären steppt, und in der es ein KI-generiertes Video im Februar sogar bis ins ZDF-„heute journal“ schaffte, wo es für echte Aufnahmen gehalten wurde, ist Medienkompetenz wichtiger denn je.
Die EU setzt dem jetzt die Krone auf. Denn ihre Antwort auf ein Zeitalter, in dem man den Umgang mit Medien dringender lernen müsste als je zuvor, ist nicht, ihn zu lehren — sondern ein Drehkreuz aufzustellen.
Es soll ein Alter geben, ab dem man darf. Nicht einen bestimmten Film sehen, ein Telespiel spielen oder auf eine bestimmte Seite gehen — ins Netz. Der Weg in die Hölle ist eben mit guten Absichten gepflastert.
Dieselbe Ursula von der Leyen, die das ankündigt, wollte schon 2009 in Deutschland eine Zensurinfrastruktur fürs Internet installieren, die besser in den Iran gepasst hätte als in eine freiheitliche Demokratie — selbstverständlich zum Schutz vor Kinderpornografie. Technisch war das Ding so schlecht, dass es keinen Täter aufgehalten hätte; für alle anderen aber hätte es die Möglichkeit geschaffen, vollkommen intransparent zu bestimmen, was man im Netz noch sehen darf. Und kaum war der Dammbruch Gesetz, meldeten schon die Nächsten ihre Begehrlichkeiten an — die Rechteinhaber, die gegen Raubkopierer vorgehen wollten. Ich wette, eine Regierung der AfD oder der Linken hätte noch ganz andere Seiten gefunden, die sie mit diesem Werkzeug jenseits jeder rechtsstaatlichen Kontrolle gern gesperrt hätte. Dass diese Monstrosität, ein Erbe der ersten großen Koalition unter Merkel, am Ende kippte, verdanken wir der FDP.
Diesmal also soll das Internet altersreguliert werden. Natürlich nur zum Schutz der Kinder. Und zwar nicht wie bei Filmen seit 2008 mit dem — ebenfalls von der Leyen zu verdankenden — „FSK-Flatschen“, der den Eltern die Entscheidung überlässt: Wollen Sie Ihr Kind das wirklich sehen lassen? Die EU-Kommission bereitet einen Gesetzesvorschlag für ein pauschales Mindestalter in den sozialen Medien vor; von der Leyen hat ihn für die Zeit nach dem Sommer angekündigt. Ein Expertengremium empfiehlt dreizehn, das Parlament hätte in einer Entschließung gern sechzehn — und durchgesetzt werden soll das Ganze nicht über ein digitales Altersfreigabe-Label, das Eltern bei Bedarf einfach in den Jugendschutzfilter ihrer Fritzbox eintragen könnten, sondern über eine Altersverifikations-App, mit der jeder erst einmal sein Alter nachweisen muss, bevor der Staat ihn ins Internet lässt.
Aber seien Sie beruhigt: „datensparsam“ und „quelloffen“, verspricht die Kommission, man müsse keinen Ausweis vorzeigen, nur ein Alter bestätigen. Wie das besser funktionieren soll als heute schon bei „redtube.com“, wird noch nicht verraten. Es wäre ja auch zu viel verlangt, die technische Umsetzung erst als Proof of Concept vorzulegen und öffentlich verifizieren zu lassen, bevor man ein entmündigendes Gesetz in Textform gießt — eines, das an meinem Kriterienkatalog mit ziemlicher Sicherheit scheitern würde. Aber die Angst der Eltern ist eben immer ein guter Hebel, um jedem noch so bescheuerten Gesetz Momentum zu verleihen.
Ein Alter bestätigen kann nur, wessen Alter jemand kennt. Wer den Kindern die Tür verschließen will, muss an jeder Tür nachsehen — bei den Kindern und bei allen anderen.
Aber lassen wir das für einen Moment; die Sorge, aus der das kommt, ist ehrlich gemeint, daran zweifle ich nicht. Nur ist sie nicht neu.
Ich habe diese Angst schon einmal aus der Nähe gesehen, vor über zehn Jahren, auf einem Elternabend zum Thema Medien. Damals brauchte es keine Kommission und keine App. Da genügte ein Elternteil, der einen ganzen Vortrag darauf verwandte, uns zu erklären, Killerspiele seien vom Militär entwickelt worden, um den Kindern die Empathie abzutrainieren. Vorgetragen nicht als Verdacht, sondern als gesicherte Erkenntnis. Ein Abend zur Medienkompetenz hatte damit sein bestes Argument schon geliefert, bevor er richtig begonnen hatte.
Und wo es nicht die Verschwörung ist, sind es die Studien. Neurologische Untersuchungen werden aufgerufen, als bewiesen sie die Sache. Dabei zeigen sie im besten Fall, dass ein Ego-Shooter kurzfristig das Erregungsniveau hebt — das tut ein knappes Fußballspiel auch. Von einer messbaren Laborreaktion bis zu einer dauerhaften Veränderung des Charakters ist es ein weiter Weg, und genau diesen Weg belegt bislang keine Arbeit; der Vermerk, dass die Langzeitdaten fehlen, steht in den seriösen Studien selbst.
Wie weit die Empfindlichkeit inzwischen reicht, sieht man aber nicht an den großen Zahlen, sondern am Kleinsten. Man lese noch einmal die Kinderbücher jener Zeit. Erich Kästner, „Das fliegende Klassenzimmer“: Schüler, die andere Schüler gefangen setzen und ihre Hefte verbrennen, Schlachten zwischen den Schulen, und der kleine Uli, der sich aus lauter Angst, ein Angsthase zu sein, mit einem Regenschirm von der obersten Sprosse der Turnhallenleiter stürzt und sich das Bein bricht. Erzählt wird das nicht als Skandal, sondern als Kindheit. Träfe sich dasselbe heute an einer realen Schule zu, hätten die Boulevardblätter Stoff für Wochen. Aber man muss gar nicht so weit greifen. Mein Sohn hat eine Strafarbeit bekommen, weil er sich mit einem Freund mit Kastanien beworfen hat. Zwei Jungen, ein Herbst, eine Handvoll Kastanien — Disziplinarfall. Zwischen der Rauheit von damals und der Strafarbeit fürs Kastanienwerfen von heute liegt nicht mehr Gewalt. Es liegt mehr Angst.
Diese Angst ist ohnehin älter als jede Studie. Jede Generation bekam ihren Film über die verlorene Jugend, und jede Generation von Eltern erkannte darin ihre schlimmste Ahnung: die „Halbstarken“ von 1956, James Dean in „…denn sie wissen nicht, was sie tun“, die Motorradhorden der „Wilden Engel“, zuletzt „Easy Rider“ — Leder, Lärm, kein Respekt vor nichts. Für die Eltern war es der Beweis des Untergangs. Für die Kinder wurde es ein Klassiker. Und die Mehrheit ihrer Anhänger sitzt heute — wie so mancher frühe Pogo-Hüpfer des Punk — in der Frührente, in der Datsche, und fährt Mercedes. Die Republik hat jeden dieser Untergänge überlebt.
Manchmal blieb es nicht beim Erschrecken. Dann wurde der Splatterfilm beschlagnahmt und das Computerspiel indiziert — Doom stand in Deutschland siebzehn Jahre auf dem Index, von 1994 bis 2011. Und was ist geschehen? Eine ganze Generation ist trotzdem mit dem Ego-Shooter aufgewachsen, während die Jugendgewalt seit den frühen Neunzigern fällt. Wer behauptet, diese Spiele machten gewalttätig, trägt die Beweislast — und ein Effekt, der real und stark genug wäre, um ein Verbot zu rechtfertigen, müsste sich in diesen Zahlen irgendwo abzeichnen. Er tut es nicht.
Als schließlich das Internet selbst zum „Neuland“ erklärt wurde, war die nächste Panik nur eine Frage der Zeit. Jetzt ist sie da, und sie ist größer als alle vorherigen. Denn diesmal ist der Feind kein Film und kein Spiel, das man aus dem Verkehr ziehen könnte — diesmal ist es der Zugang selbst.
Und diesmal ist an der Sorge sogar etwas dran, mehr als je zuvor. Die Kinder verbringen Stunden am Tag vor Bildschirmen, die von Leuten gebaut wurden, deren Beruf es ist, sie dort zu halten. Das ist kein Rock ’n‘ Roll und kein Zombiefilm, das ist ein Geschäftsmodell. Aber gerade deshalb ist die verschlossene Tür die falsche Antwort. Eine Altersschranke sperrt aus, sie erklärt nichts. Ein Kind, das mit dreizehn oder sechzehn zum ersten Mal hineindarf, steht dann genauso ahnungslos davor wie vorher — nur älter. Wer nicht will, dass die Medien die Kinder beherrschen, muss ihnen beibringen, die Medien zu beherrschen. Das ist der einzige Weg, und er heißt Kompetenz, nicht Kontrolle.
Deshalb würde ich mir ein Schulfach Medien wünschen. Nicht, damit aus den Kindern keine Amokläufer werden — diese Gefahr besteht bei den wenigsten, und denen wäre mit ehrlicher Aufmerksamkeit ohnehin mehr geholfen als mit jeder Schranke. Sondern damit sie lernen, wie diese Maschinen funktionieren, die um ihre Aufmerksamkeit kämpfen. Denn wer versteht, wie er gehalten werden soll, kann gehen.
Ich jedenfalls habe es 2013 anders versucht. Statt den Kindern die Medien zu verbieten, habe ich mit der achten Klasse meiner Tochter eine Waldorf-Zombie-Komödie gedreht: In der Schulkantine greift jemand ins falsche Regal, eine Dose Aldi-Bohnen landet zwischen dem biodynamischen Essen — und verwandelt die vollwertig ernährten Lehrer in blutgierige Untote. Das Drehbuch schrieb meine Tochter, ohne je einen Zombiefilm gesehen zu haben, inspiriert allein von J. J. Abrams‘ „Super 8″. Umschreiben musste sie es trotzdem, weil die meisten Eltern die Einwilligung zur Mitarbeit ihrer Kinder verweigerten.
Und dann kam die eigentliche Pointe, besser als alles, was ich hier über Medienangst schreiben könnte. Bei der Präsentation der Achtklassarbeiten durfte meine Tochter ihren Film nicht zeigen, nur ein Referat halten. Die Begründung: Ihre Klassenkameraden, die den Dreharbeiten ferngeblieben waren, könnten das Ergebnis zu verstörend finden. Die Hortkinder dagegen, Erst- und Zweitklässler, die uns in den Ferien vom Schulhof aus bei den Dreharbeiten zugesehen hatten, zuckten nur mit den Schultern. Als ich sie am nächsten Morgen fragte, ob sie gut geschlafen hätten, sagte einer bloß: „Klar, war doch langweilig.“ Sie hatten den Entstehungsprozess gesehen, nicht das fertige Produkt — und dabei mehr gelernt als die Klassenkameraden, vor denen man den Film verbarg.
Wer sieht, wie das Blut angerührt wird, fürchtet sich nicht vor dem Blut.
Für meinen damals sechzehnjährigen Sohn war es ohnehin ein Augenöffner, was mit ein wenig Kreativität und einfachsten Mitteln möglich ist. Zur nächsten Halloween-Party ging er als Zombie — und die Fachleute, denen ich das Ergebnis später zeigte, wollten kaum glauben, dass dafür Utensilien im Wert von zwanzig Euro genügt hatten.

Und auch bei meiner kleinen Tochter werde ich lieber darauf setzen, sie fit für den Umgang mit den sozialen Medien zu machen, als mir vorschreiben zu lassen, ab welchem Alter es vertretbar ist, sie planlos auf die Welt loszulassen. Was mich an all dem am meisten erschreckt, ist aber, wie hier wieder einmal aus der Angst der Menschen Politik gemacht wird. Damals haben wir dafür immerhin nur die Kunstfreiheit geopfert — indiziert wurden Filme, die heute ungeschnitten ab sechzehn im Regal stehen.
Diesmal wird an etwas Größerem gesägt: am Schutz des Bürgers vor dem Überwachungsstaat. Eine verpflichtende Altersprüfung ist der Grundstein für etwas, an dessen Ende sich die Anonymität im Netz schnell und ohne großen Aufwand aushebeln lässt — ein weiterer Schritt in die Richtung, die freiheitlich-demokratische Grundordnung selbst abzutragen. Als wäre es für Politiker heute nicht schon leicht genug, einem Bürger zum Frühstück den Eingreiftrupp zur Hausdurchsuchung vorbeizuschicken, weil er mal wieder ein unpassendes Schwachkopf-Meme geteilt hat.

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