Wie Männerräume geöffnet und Frauenräume geschützt werden – und was nachwächst, wenn der letzte akzeptierte Männerraum fällt

2018 öffneten die Boy Scouts of America ihre Programme für Mädchen. Seit 2025 heißen sie „Scouting America“. Das „Boy“ ist weg.

Die Girl Scouts heißen immer noch Girl Scouts. Und sie nehmen immer noch keine Jungen auf.

Stattdessen verklagten sie die Boy Scouts. Nicht, weil die Öffnung ungerecht gewesen wäre. Sondern weil ihnen die Mitglieder davonliefen. Der zuständige Bundesrichter in Manhattan wies die Klage 2022 ab – mit dem bemerkenswerten Befund, dass es den Girl Scouts gar nicht um ihre Marke gehe, sondern um die Angst um ihre Stellung im Wettbewerb.

In Deutschland lief dasselbe leiser. Die katholische DPSG ist seit 1971 koedukativ. Ihre Schwesterorganisation, die Pfadfinderinnenschaft St. Georg, beschloss 1982, ein reiner Mädchenverband zu bleiben, und schrieb 1990 ihre Ausrichtung als „parteilich-emanzipatorisch“ fest.

Man stelle sich einen Jungenverband vor, der sich heute als parteilich für Jungen definiert.

Er bekäme keinen Grundsatzbeschluss. Er bekäme einen Artikel über toxische Männlichkeit.

Das ist das Muster. Männerräume werden geöffnet. Frauenräume werden geschützt. Und beides geschieht im Namen desselben Prinzips: Gleichberechtigung.

Der Nutzen, der nur in eine Richtung wirkt

Das freundlichste Argument für die Öffnung lautet: Mädchen bekommen Zugang zu Wildnis, Technik, Führungserfahrung – zu allem, was ihnen vorher verwehrt war.

Nur war es ihnen nicht verwehrt. Es gab die Girl Scouts. Es gab die Pfadfinderinnen. Das Angebot existierte.

Wenn der Wert aber in der Mischung selbst liegt, dann gilt er für beide Seiten. Dann müssten die Girl Scouts ebenso öffnen. Niemand verlangt das.

Der entscheidende zusätzliche Wert lag also offenbar nicht in der Koedukation selbst, sondern im Zugriff auf das, was die Jungenorganisation bereits aufgebaut hatte: Marke, Reichweite, Prestige und Infrastruktur.

Das Machtargument und sein Geltungsbereich

Der ernsthafteste Einwand lautet: Männerräume waren nie bloß Rückzug. Sie waren Macht. Wer draußen stand, war vom Aufstieg ausgeschlossen.

Das stimmt – für einen schmalen Ausschnitt. Für die Jaycees, die der Supreme Court 1984 zur Aufnahme von Frauen zwang. Für Rotary, 1987. Für den Londoner Garrick Club, der im Mai 2024 nachgab, nachdem der Guardian seine Mitgliederliste veröffentlicht hatte: Richter bis hinauf zum Supreme Court, der Chef des Auslandsgeheimdienstes, der oberste Beamte des Landes. Da saß Macht unter sich.

Aber dieser Ausschnitt wird zur Beschreibung des Ganzen erklärt. Es ist derselbe Kurzschluss wie beim Patriarchatsbegriff: Was auf eine schmale Elite zutrifft, wird auf jeden Schützenverein, jeden Stammtisch und jede Pfadfindergruppe übertragen.

Ein Zwölfjähriger knüpft beim Zeltaufbau keine Karrierenetzwerke. Der Stammtisch besetzt keine Aufsichtsräte.

Und die Grenze, an der ein Raum vom Rückzug zur Machtbörse wird, kann niemand ziehen. Jeder Ort, an dem Menschen sich sympathisch sind, erzeugt Kontakte, die irgendwann etwas wert sind. Der Golfclub. Das Mütternetzwerk. Die Frauensauna. Meine Frau meidet Letztere, weil ihr das Dauergeplauder auf die Nerven geht. Ob dort nebenbei Stellen vermittelt werden, fragt niemand.

Macht kann also ein gutes Argument gegen bestimmte exklusive Elitenetzwerke sein. Als allgemeine Begründung dafür, warum Männer unter sich problematisch sein sollen, taugt sie nicht.

Die Falle der Intimsphäre

Gern wird ein scheinbar neutraler Kompromiss angeboten: Getrennte Räume sind legitim, wo es um Intimsphäre geht. Duschen, Umkleiden, Schlafsäle.

Wer Intimsphäre zum einzigen legitimen Grund für geschlechtlich getrennte Räume erklärt, macht damit praktisch jede andere Form gleichgeschlechtlicher Gemeinschaft illegitim. Im Golfclub, am Stammtisch, in der Jungengruppe sind alle angezogen – also dürfte dort niemand mehr unter sich bleiben.

Es gibt aber einen zweiten Grund, und er ist längst anerkannt: Bindung. Gleichgeschlechtliche Freundschaft und Gemeinschaft sind ein eigenständiges Gut. Kein Frauennetzwerk muss eine Intimsphäre nachweisen, um zu existieren. Es genügt, dass Frauen sich untereinander verbinden wollen.

Bei Männern wird genau dieser Wunsch nicht als Grund gelesen, sondern als Verdacht.

Die Asymmetrie beginnt also nicht erst bei der Anwendung der Regeln. Sie beginnt bei der Frage, welche Gründe überhaupt zählen.

Was unter Männern passiert

Reine Jungengruppen entwickeln häufig eine andere soziale Grammatik: mehr Konkurrenz, körperliches Austesten, Neckerei und direkte Konfrontation.

Das muss kein Mangel an Feingefühl sein. Es kann ein Trainingsformat sein. Vera F. Birkenbihl hat den Stammtisch als Übungsplatz der Schlagfertigkeit beschrieben: Statuskämpfe austragen, ohne die Beziehung zu beschädigen. Wer standhält, gehört dazu.

Diese soziale Grammatik verändert sich, sobald die Gruppe gemischt wird. In gemischten pädagogischen Umgebungen werden Verhaltensweisen, die unter Jungen soziale Funktionen erfüllen, leichter als Störung interpretiert: Raufen, Rangeln, Wettbewerb, direkte Konfrontation.

Der Junge lernt dann nicht, dass sein Verhalten irgendwo hingehört. Er lernt, dass es überall falsch ist.

Das Absurde: Das zugrunde liegende Prinzip ist längst anerkannt. Mädchenkurse in Informatik, der Girls‘ Day, eigene Räume, in denen Mädchen sich ohne den Blick der Jungen entwickeln sollen. Eine zeitweise gleichgeschlechtliche Umgebung kann Entwicklung erleichtern, weil sich Verhalten und Gruppendynamik verändern, sobald das andere Geschlecht nicht anwesend ist.

Die Männerkrise und ihre verschwiegene Ursache

Wir reden inzwischen viel über die Krise der Männer. Über Vereinsamung. In den USA hatten 1990 drei Prozent der Männer keinen einzigen engen Freund, 2021 waren es fünfzehn Prozent. Eine Verfünffachung.

Gleichzeitig ist die kindliche Umgebung fast männerfrei. In deutschen Kitas sind acht Prozent des pädagogischen Personals Männer. An Grundschulen sind rund neun von zehn Lehrkräften Frauen. Und der Vater ist nach einer Trennung oft nur noch ein Umgangstermin.

Und dann wird auch noch der letzte Raum geöffnet, in dem Jungen unter männlicher Anleitung Jungen sein durften.

Damit verschwindet ausgerechnet in einer Zeit, in der männliche Freundschaften seltener werden, ein weiterer klassischer Ort, an dem solche Bindungen entstehen können.

Was nachwächst

Fight Club hat die Diagnose schon 1999 gestellt: eine Generation von Männern, großgezogen von Frauen. Der Keller, in dem sie sich prügeln, ist der Ersatz für den Raum, den es nicht mehr gibt. Und der Film erzählt auch, wohin das führen kann: Aus dem Rückzugsraum wird Project Mayhem.

Nicht das Bedürfnis ist gefährlich. Gefährlich ist seine Verdrängung dorthin, wo niemand mehr hinsieht.

Denn das Bedürfnis nach männlicher Orientierung verschwindet nicht, wenn man die Orte beseitigt, an denen sie gesellschaftlich akzeptiert stattfand. Es sucht sich neue Räume – und neue Vorbilder.

Jordan Peterson predigte jungen Männern etwas ziemlich Unrevolutionäres: Übernimm Verantwortung für dein Leben. Mach dich nicht zum Opfer. Suche Sinn. Werde zu jemandem, auf den andere sich verlassen können.

Seine Wirkung lag aber nicht nur im Inhalt. Für viele junge Männer verkörperte er, was ihnen fehlte: einen Vater, der ihre Probleme ernst nimmt, Orientierung gibt und dabei wie ein Fels in der Brandung steht. Der Peterson der 12-Rules-Jahre konnte in einem feindseligen Interview angegriffen und missverstanden werden und blieb trotzdem ruhig. Nicht umsonst ging sein Interview mit Cathy Newman auf Channel 4 im Januar 2018 viral: Peterson hörte sich ruhig die üblichen, teils absurden Unterstellungen an – und konterte im richtigen Moment so präzise, dass Newman sprachlos war. Wer selbst mit Zurückweisung, Statusverlust und Unsicherheit kämpft, sucht kein verletzliches Vorbild. Er sucht jemanden, der zeigt, dass man stehen bleiben kann, wenn es ungemütlich wird. Im selben Interview beschrieb er, was er bei jungen Männern sah: Viele hätten nie in ihrem Leben ein ermutigendes Wort gehört. Sie seien ausgehungert nach dieser Botschaft – „warum um alles in der Welt sollten sie sie sonst aus einer Vorlesung auf YouTube beziehen müssen?“ Erwachsen werden müsse man nicht, weil es sich so gehört, sondern weil nur Verantwortung den Sinn stiftet, der einen durch schwere Zeiten trägt. Wer das verpasst, bleibt zurück: verbittert, voller Groll, ohne Ziel, haltlos.

Das war keine Fassade. Aber dann kam alles zusammen: schwere private und gesundheitliche Krisen und Jahre der Anfeindungen in den Medien. Jedes für sich wäre vielleicht zu ertragen gewesen. Zusammen waren sie ein perfekter Sturm – und der Fels erwies sich als das, was er immer auch war: ein Mensch. Peterson brach zusammen. Er kam zurück – sichtbar verletzlicher, stellenweise verbittert. Nachvollziehbar: Ein großer Teil der Öffentlichkeit würdigte seine Rolle als Orientierungsfigur kaum und sah in ihm vor allem die Rückkehr des Patriarchen – oder gleich des Patriarchats.

Am deutlichsten wurde diese Veränderung 2022, als Peterson bei Piers Morgan weinte, sobald das Gespräch auf Olivia Wilde und ihren Film Don’t Worry Darling kam. Wilde hatte ihn zum Vorbild ihres Sektenführers gemacht und seine Anhänger in die Nähe der Incel-Community gerückt: frustrierte Männer, die glauben, einen Anspruch auf Frauen und Sex zu haben.

Was über ihn selbst gesagt wurde, traf ihn nach eigener Aussage kaum. Emotional wurde er bei den jungen Männern, die ihm zuhörten. Denn als Beschreibung dieser Männer ist Wildes Bild erschreckend unterkomplex. Aus Einsamkeit, Orientierungslosigkeit, sozialer Unsicherheit, sexueller Erfolglosigkeit und der Suche nach einem Platz im Leben wird schlicht Frauenhass. Aus Männern, denen jemand sagt: „Räum dein Leben auf, übernimm Verantwortung und werde zu einem Menschen, den eine Frau überhaupt wählen wollen könnte“, wird ein Publikum, das angeblich lernen will, Frauen zu beherrschen. Filmischer kann ein Strohmann kaum aussehen.

Peterson sah in ihnen Menschen, die einsam waren, keinen Halt fanden und nicht wussten, wie sie aus ihrer Lage herauskommen sollten – und auf die von außen noch Verachtung gehäuft wurde. Daran ist nichts verwerflich. Im Gegenteil. Aber es machte sichtbar, dass der Mann, der für viele Halt gewesen war, selbst verletzlich geworden war. Ein Freund darf das sein. Ein Vorbild, an dem man sich festhalten will, kaum. Wer Halt sucht, will eines, das ihm maximale Unverwundbarkeit verspricht.

Die Lücke, die dabei entstand, war zu diesem Zeitpunkt längst gefüllt. Im Sommer 2022 war Andrew Tate bereits explodiert – binnen weniger Monate von einer Figur der Internet-Nische zum Superstar der Manosphere. Er fand genau das Publikum vor, das Peterson 2018 beschrieben hatte: verbittert, voller Groll, ohne Ziel – und gewohnt, sich seine Orientierung auf YouTube zu holen. Ein Mann, der sich selbst als Frauenfeind bezeichnet und gegen den in Großbritannien und Rumänien Anklagen wegen Vergewaltigung und Menschenhandel laufen. Er bestreitet alles, und für ihn gilt die Unschuldsvermutung wie für jeden. Aber um zu hören, was er predigt, braucht es kein Urteil.

Tate verkauft dieselbe Fantasie maximaler Unverwundbarkeit – nur ohne Petersons Anspruch. Keine Selbstzweifel. Keine Abhängigkeit vom Urteil anderer. Keine sichtbare Verletzlichkeit. Geld, Frauen, Muskeln, Status – und die permanente Botschaft: Niemand kann mir etwas.

Peterson sagte: Werde stärker, damit du Verantwortung tragen kannst.

Tate sagt: Werde stärker, damit niemand Macht über dich hat.

Die Stärke bleibt. Der Sinn, dem sie dienen sollte, fällt weg.

Das ist keine Pechsträhne. Das ist Selektion. Wer die gesellschaftlich akzeptierten Anbieter männlicher Orientierung beschädigt, verdächtigt oder aus dem Diskurs drängt, lässt die Nachfrage nicht verschwinden. Er verändert nur, wer sie noch bedienen kann. Und der radikalere Anbieter hat dabei einen entscheidenden Vorteil: Er muss gesellschaftliche Anerkennung gar nicht erst gewinnen. Wer seine Existenz darauf baut, dass ihm das Urteil anderer egal ist, lässt sich durch Ablehnung nicht disziplinieren. Jede Kritik bestätigt seinen Anhängern nur, dass er wirklich gegen „das System“ steht.

Tate nimmt eine männliche Tugend – Unabhängigkeit vom Urteil anderer – und löst sie von der Verantwortung, neben der sie bei Peterson noch stand. Übrig bleibt Rücksichtslosigkeit.

Und hier schließt sich der Kreis zu den Räumen, mit denen dieser Text begann.

Der Pfadfinderführer war ein Mann, den man anfassen konnte. Er trug Verantwortung. Er kannte die Jungen, für die er verantwortlich war, und die Jungen kannten ihn. Sie sahen nicht nur seine Stärke, sondern auch seine Fehler. Die Gruppe durfte ihm widersprechen.

Das ist etwas anderes als ein Bildschirm.

Ein realer Männerraum reguliert sich nicht nur durch Regeln, sondern durch Beziehungen. Wer über die Stränge schlägt, muss am nächsten Morgen denselben Menschen wieder gegenübertreten. Stärke hat Folgen. Status verpflichtet. Anerkennung muss immer wieder verdient werden.

Tate kennt seine Follower nicht. Sie kennen ihn ebenfalls nicht. Sein Geschäftsmodell lebt davon, dass junge Männer sich als Verlierer begreifen und in ihm die Fantasie eines Mannes sehen, dem niemand etwas anhaben kann.

Wir haben die Männerräume nicht abgeschafft.

Nur die gesellschaftlich akzeptierten.

2 Antworten zu „Jungs unter sich“

  1. Avatar von tobolein
    tobolein

    Let boys be boys.

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  2. Avatar von tobolein
    tobolein

    Let boys be boys.

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