Warum die ADHS-Debatte an einer falschen Alternative scheitert
17. Okt. 2026 · Sexismusbeauftragter
Ich habe ADHS jahrelang für eine Modediagnose gehalten.
Für mich traf eine South Park-Folge den Nagel auf den Kopf: „Timmy 2000“. Darin wird Timmy für ein ADHS-Kind gehalten und von den Hausaufgaben befreit – obwohl er ganz offensichtlich völlig andere Beeinträchtigungen hat. Kaum spricht sich herum, dass ADHS-Kinder keine Hausaufgaben machen müssen, wollen natürlich alle die Diagnose. Und bekommen sie. Dass die Medikation bei ihnen nicht unbedingt die gewünschte Wirkung zeigt, ist dann nur noch die Pointe.
Das war für mich immer das perfekte Bild dafür, wie diese Modediagnose funktionierte.
Zwei Diagnosen, beide falsch
Als die Diskussion dann bei meinem Sohn aufkam, wurden wir zur Erziehungsberatung geschickt. Die Beraterin dort wollte uns gleich weiter zum Psychologen schicken, zur ADHS-Diagnostik. Ich habe sofort gesagt: Ich lasse meinen Sohn sicher nicht pathologisieren, weil er ein Junge ist. Wenn sie nichts anderes anzubieten habe, gehe ich mit ihm gleich wieder raus.
Daraufhin schlug sie vor, wir könnten ja einen Begabungstest machen. Aber ADHS sei bei ihm ja eindeutig – man sehe doch, wie er da sitze.
Ich sah etwas anderes: einen Jungen, dem es gerade furchtbar peinlich war, dass seine Eltern seinetwegen bei der Erziehungsberatung aufschlagen mussten, und der deshalb ein bisschen verloren in der Gegend herumschaute.
Zwei Wochen später, der Test war erledigt, klang alles ganz anders. ADHS könne sie nun komplett ausschließen. So klug und so konzentriert, wie er an diesem Test gearbeitet habe, sei das höchst unwahrscheinlich. Er sei vermutlich eher hochbegabt und solle aufs Gymnasium, damit seine Begabung endlich gefordert werde.
Heute, mit gut zwanzig Jahren Abstand, halte ich beide Urteile für gleich dämlich. Und das zweite war eigentlich nur die Bestätigung meines damaligen Eindrucks, dass diese Diagnose ziemlich wahllos verteilt wurde – und ebenso wahllos wieder eingesammelt.
Denn ausgerechnet das Argument, mit dem ADHS ausgeschlossen wurde, ist eines seiner typischsten Merkmale. Menschen mit ADHS können sich nicht „nicht konzentrieren“. Sie können ihre Konzentration nicht steuern. Was sie interessiert, verschlingen sie – stundenlang, tief, unansprechbar. Was sie nicht interessiert, gleitet ab. Ein hochbegabtes Kind kann ADHS haben, und ein Kind mit ADHS kann in einem Test glänzen, der es fesselt.
Bürokratielegasthenie
Dass eine Diagnose schlampig gestellt wird, heißt allerdings nicht, dass es die Störung nicht gibt.
Und ich weiß inzwischen sehr genau, dass es sie gibt. Denn rückblickend war ich selbst ein ADHS-Kind. Diagnostiziert wurde ich sehr spät, vor genau zwei Jahren.
Ernsthaft auseinandergesetzt habe ich mich mit ADHS erst über den britischen Podcaster Alex Partridge. In seinen Videos und Interviews beschreibt er Dinge, in denen ich mich so deutlich wiedererkannte, dass ich zum ersten Mal in Betracht zog, selbst betroffen zu sein. Danach ging es mir tatsächlich wie im Titel seines Buches: It All Makes Sense Now. Wenn man sich einmal wirklich damit beschäftigt, statt aus oberflächlichen Charaktereigenschaften eine Diagnose zusammenzuzimmern, erkennt man, dass viele meiner Probleme der letzten vierzig Jahre genau daher rührten.
Und mir wurde klar, warum mir die Diagnose früher immer so albern und absurd vorgekommen war: weil sie mir so natürlich erschien. Ich hielt das alles für einen ganz normalen Teil des Menschseins. Meine Skepsis kam nicht daher, dass ich ADHS nicht kannte – sondern daher, dass ich es zu gut kannte. Was man selbst für normal hält, erkennt man bei anderen nicht als Störung. Der Fisch weiß nicht, dass er nass ist. Das erklärt im Nachhinein auch, warum ich bei meinem Sohn so empfindlich reagiert habe.
Faszinierend war, im Zuge der Diagnostik noch einmal meine Grundschulzeugnisse zu lesen. Man kann darin zusehen, wie meine Lehrerin von Halbjahr zu Halbjahr verzweifelter wird – bis sie schließlich am Ende der dritten Klasse schreibt: Es sei absolut unverständlich, warum Lutz nicht endlich das Potenzial aus sich herausholt, das er hat. Er könnte einer der Besten sein.
Damals hieß das, was ich hatte, nicht Störung, sondern Faulheit. Es war keine Fachdiagnose, es war eine Charakterdiagnose.
Wie sehr dieses Urteil nachwirkt, beschreibt der Psychiater Andreas Menke in einem Interview mit dem SPIEGEL (Ausgabe 50/2024, 8. Dezember 2024): Wer spät die Diagnose bekommt, empfindet sie meist als Erleichterung. Endlich etwas, das erklärt, „warum vieles im Leben so gelaufen ist“ – und dass man „nicht bloß dumm oder faul“ ist.
Dabei sind ADHSler weder zwangsläufig unkonzentriert noch dumm. Oft ist eher das Gegenteil der Fall: Mit Intelligenz lässt sich erstaunlich viel kompensieren. Genau deshalb fallen so viele erst spät auf – wer gut kompensiert, fällt nicht auf.
Was schwerfällt, ist etwas anderes: sich auf Dinge zu konzentrieren, die einem unwichtig erscheinen. Nicht der Kopf versagt, sondern die Steuerung – und zwar ausgerechnet bei dem, was einem gleichgültig ist, egal, wie wichtig die Gesellschaft es findet.
Ich habe das für mich immer „Bürokratielegasthenie“ genannt. Jahrelang habe ich mit dem Finanzamt gekämpft, weil ich meine Steuererklärung nicht pünktlich abgegeben habe. Als alleinerziehender Vater, der allein für die finanzielle Versorgung seiner Kinder aufkommen musste, stand die Buchhaltung auf meiner Prioritätenliste immer ganz unten. Es gab schlicht zu viel anderes, das dringender war. Und wenn dann doch einmal Zeit gewesen wäre, fiel es mir unglaublich schwer, mich auf etwas zu konzentrieren, das mich nicht im Geringsten interessierte. Also blieb es liegen – so lange, bis die Pfändungsankündigungen eintrudelten und ich doch endlich zu meinem Steuerberater ging, um alles nachzureichen.
Das ist keine Frage des Könnens, sondern der Passung. Dieselbe Eigenschaft, die mich in einem Projekt, das mich packt, stundenlang tragen kann, wird beim Finanzamt zum Säumniszuschlag. Und die Kosten sind real: Zuschläge, Mahnungen, Pfändungsandrohungen und der Dauerstress, der damit einhergeht.
Wenn ich die Verspätungszuschläge, Mahngebühren und Säumniszuschläge aus den ersten 25 Jahren meiner Selbstständigkeit zusammenrechne, hätte ich mir davon zur Midlife-Crisis vermutlich einen ganz ansehnlichen Sportwagen leisten können.
Erklärung, keine Ausrede
Genau hier kommt regelmäßig der Einwand – auch von meiner Frau: Das dürfe doch keine Ausrede sein.
Ist es auch nicht. Eine Ausrede wäre es, wenn ich sagte: Ich habe ADHS, also muss ich mich um meine Steuererklärung nicht kümmern. Eine Erklärung ist es, wenn ich sage: Ich weiß inzwischen, wo meine Defizite liegen – und deshalb organisiere ich mein Leben so, dass sie keinen Schaden mehr anrichten.
Ich gebe meine Defizite ab. Ich bezahle andere dafür, dass sie erledigen, was mir nicht liegt, und binde zum Beispiel meinen Steuerberater heute viel enger ein. Das ist nichts anderes als das, was jeder vernünftige Mensch mit seinen Schwächen tut. Wer nicht rechnen kann, holt sich einen Buchhalter. Niemand nennt das eine Ausrede.
Menke bringt es auf eine Formel, die ich mir nicht besser hätte ausdenken können: „Ich kann zwar nichts für meine ADHS, aber ich bin verantwortlich für mein Handeln.“
Warum ADHS trotzdem eine Modekrankheit ist
Dass ADHS zur Modediagnose werden konnte, hat einen einfachen Grund: Sie entlastet.
Sie entlastet Lehrer, die mit einer überfüllten Klasse nicht zurechtkommen. Sie entlastet Eltern, die sich fragen, was sie falsch gemacht haben. Sie entlastet Institutionen, die ein unbequemes Kind lieber behandeln als aushalten. „Es ist nicht unsere Schuld, es ist ADHS“ – das ist ein enorm attraktiver Satz.
Und diese Entlastung gilt auch für die Diagnostizierten selbst. Der Psychotherapeut Thorsten Padberg erklärte das in einem SPIEGEL-Interview vom 13. November 2025 so: „Wenn mir nur die Wahl zwischen Faulheit oder Krankheit gelassen wird, entscheide ich mich natürlich für die Krankheit. Man nennt das das »Brain-or-Blame-Dilemma«: Entweder ist mein Gehirn schuld – oder ich selbst. Das macht all die vermeintlichen Hirnstoffwechselstörungen so populär.“ Die Erleichterung, die Menke beschreibt, hat also eine Kehrseite: Sie macht die Diagnose auch für jene attraktiv, die sie gar nicht brauchen.
Und so wurde in den Jahren, in denen mein Sohn zur Schule ging, gefühlt jedes Kind, das ein bisschen unruhig, unglücklich oder sozial ungelenk war, mit Ritalin versorgt.
Wie stark dabei der schulische Maßstab mitspielt, zeigt ausgerechnet der Geburtstag. Eine Metaanalyse von 32 Studien ergab 2024: Die jüngsten Kinder eines Schuljahrgangs erhalten rund 38 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose als die ältesten und bekommen 28 Prozent häufiger entsprechende Medikamente. Nicht weil die einen an einem anderen Tag im Jahr ein anderes Gehirn bekommen hätten. Sondern weil im Klassenzimmer ein paar Monate Entwicklungsvorsprung offenbar den Ausschlag geben. Besonders aufschlussreich: Der Alterseffekt zeigte sich vor allem in den Einschätzungen der Lehrer, kaum in denen der Eltern. Was in der Schule als auffällig gilt, muss zu Hause keineswegs auffallen.
Das Problem ist nicht das Medikament. Es gibt Menschen, denen Methylphenidat hilft, und zwar erheblich. Das Problem ist das Kind, das es bekommt, obwohl es nichts hat. Bei einer echten Störung steht dem Nutzen ein Preis gegenüber. Ohne Störung bleibt vom Nutzen wenig übrig – der Preis aber vollständig: Appetitlosigkeit, Schlafprobleme, Gereiztheit. Wer einem gesunden Kind ein solches Mittel gibt, muss sich über die Nebenwirkungen nicht wundern.
Und das ist nicht nur die Erinnerung eines skeptischen Vaters. Eine 2021 in JAMA Network Open veröffentlichte Übersichtsarbeit wertete 334 Studien aus und fand überzeugende Hinweise auf Überdiagnostik und Überbehandlung bei Kindern und Jugendlichen. Gerade bei leichter ausgeprägten Symptomen, so die Autoren, könne die Diagnose dem Kind unter dem Strich mehr schaden als nützen.
Und natürlich entlastete die Diagnose nicht nur. Sie lohnte sich auch. Für viele Ärzte war sie eine bequeme Art, Geld zu verdienen. Rund um die Störung entstand ein ganzer Berufszweig, von Diagnostikpraxen bis zu ADHS-Coaches. Und die Pharmaindustrie schrieb schwarze Zahlen. In den USA hat der Journalist Alan Schwarz in ADHD Nation nachgezeichnet, wie aggressiv Hersteller die Diagnose bei Ärzten und Eltern beworben haben.
Dass dieser Boom nicht allein aus der Natur der Sache kam, zeigt ausgerechnet Deutschland. Zwanzig Jahre lang stieg der Methylphenidat-Verbrauch hier ununterbrochen. Dann wurden 2009 und 2010 die Regeln verschärft: Kinder und Jugendliche dürfen das Mittel seitdem nur noch unter Aufsicht von Spezialisten bekommen, die Verordnung ist an strengere Voraussetzungen geknüpft. Ergebnis: 2013 meldete das BfArM erstmals seit zwei Jahrzehnten keinen Anstieg mehr, bei Kindern gingen die Verordnungen seit 2012 zurück. Die Kinder waren nicht plötzlich gesünder geworden. Es war nur schwerer geworden, sie zu Patienten zu machen.
Warum es trotzdem echt ist
Die Zahl der Diagnosen ist gestiegen, und dahinter stecken zwei Entwicklungen, die sich überlagern. Ein Teil sind nachgeholte Diagnosen: Menschen wie ich, die es immer gab und die früher als faul, frech oder versponnen galten. Der andere Teil sind Etiketten aus Bequemlichkeit und Geschäftsinteresse – Etiketten, die Eltern, Lehrer und Institutionen entlasten und vielen Ärzten und der Industrie ein gutes Einkommen liefern.
Und die Schieflage hat ein Geschlecht, nur in beide Richtungen. Jungen bekamen die Diagnose zu oft, weil normales Jungenverhalten im Klassenzimmer stört. Mädchen bekommen sie bis heute zu selten. Bei ihnen zeigt sich ADHS häufiger als stille Unaufmerksamkeit statt als Unruhe. Ein Mädchen, das still abgelenkt ist, aber intelligent genug, um es zu kompensieren, fällt schlicht nicht auf. Beim Jungen dagegen fällt das Stören auf, und es schlägt sich in Betragen und Noten nieder. Wer nicht stört, wird nicht abgeklärt. Dieselbe Logik, die den Jungen pathologisiert, übersieht das Mädchen.
Auch das ist nicht bloß eine Vermutung. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2025 fand bei Mädchen mit ADHS häufiger Ablenkbarkeit und Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben zu halten; bei Jungen traten häufiger die lauteren, störenderen Verhaltensweisen hervor. Eine weitere Übersichtsarbeit von 2026 beschreibt, wie Diagnostik und Überweisungspraxis gerade an diesen auffälligen Verhaltensweisen ausgerichtet sein können.
Doch die oberflächliche Modediagnose hat noch eine andere, weniger sichtbare Seite: Menschen, deren ADHS jahrelang unerkannt bleibt und die deshalb möglicherweise falsch behandelt werden.
Andreas Menke beschreibt, wie aus dem chronischen Stress eines Lebens mit ADHS – ständige Überforderung, Misserfolge, Ablehnung – eine Art „Verschleißdepression“ entstehen kann: „Der Stress ist die Brücke von der ADHS in die Depression.“ Die Depression ist also nicht der Ursprung der Probleme, sondern deren Folge. In seiner Klinik kommen etwa zehn bis 15 Prozent der Patienten mit einer Depression und gehen mit einer ADHS-Diagnose.
Ich kenne ein Mädchen, das acht Jahre lang gegen Depression behandelt wurde, mit Medikamenten morgens und abends und allen Nebenwirkungen, bis schließlich ADHS diagnostiziert wurde.
Und irgendwann wird auch die Behandlung selbst zum Misserfolg: Man nimmt Medikamente, geht zur Therapie, bemüht sich um Besserung – und nichts ändert sich grundlegend.
Genau das macht die Depressionsbehandlung so kontraproduktiv: Man behandelt die Folgen einer Erkrankung und wundert sich, warum der Patient auch nach acht Jahren Medikation und Therapie nicht gesund wird.
Das ist die bittere Kehrseite dieser Modediagnose. Und die übersehene Diagnose kann ein ganzes Leben prägen.
Wer nur auf die Gesamtzahl schaut, kann beide Lager bestätigen. Und lernt dabei nichts.
Das fehlende Wasserstoffatom
Wie selbstverständlich einem die eigenen Stärken vorkommen, habe ich im Bio-Leistungskurs erlebt. Wir nahmen den Zitronensäurezyklus durch, und meine Lehrerin erklärte eine halbe Stunde lang, was dabei chemisch und physikalisch passiert. Mir ging das komplett am Arsch vorbei; es war genau der Teil der Biologie, der mich nie interessiert hat. Wie das Ganze funktioniert, weiß ich bis heute nicht.
Aber ich hatte das Schaubild gesehen. Und am Ende sagte ich: „Sie haben da ein Wasserstoffatom zu wenig.“
Sie sah mich an. „Wie bitte?“ Mir war nur aufgefallen, dass in diesem komplexen Schema ein Wasserstoffatom fehlte, damit die Gleichung aufging. „Aber das sind doch ganz viele“, meinte sie. „Dann fehlen Ihnen eben ganz viele.“
Man konnte zusehen, wie es bei ihr zu rattern begann. Sie war eine wirklich begeisterte Naturwissenschaftlerin, und irgendwann sagte sie: Lassen wir das für heute, ich schaue mir das an und gebe dir nächste Woche eine Antwort.
Das tat sie. Die Antwort lautete: „Du hast recht. Ich habe das zwanzig Jahre lang falsch unterrichtet. Aber wenn wir das jetzt noch einmal aufrollen, würde es deine Klassenkameraden überfordern. Das bleibt unser Geheimnis.“
Ähnlich ging es mir im Grundstudium der Philosophie. Es ging um Logik, und man stellte uns ein Rätsel: Auf einer Insel leben nur Räuber und Edelmänner. Räuber lügen immer, Edelmänner sagen immer die Wahrheit. Man trifft Hans und Franz, und Franz sagt: „Mindestens einer von uns ist ein Räuber.“ Was folgt daraus?
Während die anderen noch überlegten, sagte ich: Hans ist der Räuber. „Okay“, hieß es, „und wie bist du darauf gekommen?“ Und erst in diesem Moment musste ich nachdenken. Die Antwort wusste ich sofort. Warum sie stimmte, musste ich mir erst hinterher erarbeiten und dazu den ganzen logischen Apparat anwerfen: Wäre Franz ein Räuber, wäre sein Satz wahr, und Räuber sagen nie die Wahrheit. Also ist Franz ein Edelmann, sein Satz stimmt, und der Räuber kann nur Hans sein.
Erst die Lösung, dann die Begründung.
Mit ADHS hat beides vermutlich wenig zu tun. Es ist eher das, womit ich das ADHS so lange verdeckt habe. Wer im Schaubild den Fehler findet, ohne der Erklärung zugehört zu haben, kommt auch ohne Fleiß durch die Schule. Er fällt nur nicht als Kind mit einer Störung auf, sondern als faul. Und als meine Kunstlehrerin in der 13 Klasse sagte es wäre unsozial mich nicht durchs Abitur fallen zu lassen hatte ich schon etwas mitleid mit ihrer Empörung. Mir selbst kam das nicht wie eine Begabung vor. Es war einfach normal.
Die Stärken, die ich tatsächlich dem ADHS zuschreibe, sind andere. Und sie haben einen Haken.
So chaotisch ein Projekt auch lief, ich habe den Fokus behalten und es zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht. Bei meinen früheren Studentenfilmen war genau das der Anker, der aus einer absoluten No-Budget-Produktion am Ende doch noch einen ansehnlichen Kurzfilm gemacht hat. Wenn alle anderen in Panik geraten und hinschmeißen wollen, trete ich erst einmal ruhig einen Schritt zurück und sage: Lass uns mal schauen, wie wir das gelöst kriegen. Was andere überflutet, bringt mich erst auf Betriebstemperatur. Viele Menschen mit ADHS beschreiben genau das: Im Alltag scheitern sie an Kleinigkeiten, in der Krise funktionieren sie besser als alle anderen.
Dazu kommt eine fast vollständige Abwesenheit von Zukunftsangst. Ich bin seit Jahrzehnten selbstständig, ohne mir je ernsthaft Sorgen um meine Altersversorgung gemacht zu haben. Die Sicherheit, für die sich andere an eine Festanstellung klammern, hat mich nie gereizt. Auch Firmen gehen pleite, und ich habe früh gelernt, dass Projekte auslaufen und man sich dann eben etwas Neues sucht. Genauso habe ich Projekte angenommen, deren Themen ich nicht kannte – immer in der Gewissheit, dass das schon werden wird.
Dass das kein Zufall ist, legt auch die Forschung nahe. Eine Studie von Wei Yu, Johan Wiklund und Ana Pérez-Luño fand 2021 bei Unternehmern in den USA und Spanien, dass impulsive und hyperaktive ADHS-Symptome mit mehr Innovationsfreude, Eigeninitiative und Risikobereitschaft einhergehen und darüber mit besserem Geschäftserfolg. Die Unaufmerksamkeit dagegen half nicht – und das wundert mich nicht.
Denn diese Furchtlosigkeit hat eine Kehrseite, und es ist dieselbe Eigenschaft. Bei ADHS fühlt sich die Zukunft weniger wirklich an als die Gegenwart. Deshalb hat mich die Altersversorgung nie geschreckt. Und deshalb hat mich auch die Steuererklärung nie geschreckt – bis die Pfändungsankündigung im Briefkasten lag. Erst wenn die Konsequenzen in der Gegenwart ankommen, wenn etwa mitten im Urlaub das Konto gepfändet wird, entsteht der Handlungsdruck, auch lästigen Themen die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Was mich in die Selbstständigkeit getragen hat, hat mich aufgrund meiner Unaufmerksamkeit für gefühlt Belangloses beim Finanzamt Jahr für Jahr eingeholt. Man bekommt das eine nicht ohne das andere.
Jahrzehntelang hielt ich all das für selbstverständlich. Erst mit der Diagnose wurde mir bewusst, dass es eine Ausnahme ist.
Genau darin liegt das Problem, und es ist ein doppelter blinder Fleck. Die Fähigkeiten, die mit dem ADHS einhergehen, hält man selbst für normal – also sieht man sie nicht.
Und was man an sich selbst nicht bemerkt, kann man auch nicht verkaufen. Ich habe lange gebraucht, meinen Stundensatz auf eine einigermaßen normale Höhe zu bringen. Es ist das klassische Hochstaplersyndrom: Dafür kann ich doch nicht so viel verlangen – das ist doch nichts Besonderes.
Einmal habe ich für einen Kunden einen Kiosk-PC gebaut, der in Kraftwerken stehen sollte, damit Mitarbeiter ohne eigenen Rechner dort ihre Arbeitszeiten erfassen konnten. Ein Hochsicherheitsgerät; wie ich das umsetze, hatte ich mir vollständig selbst ausgedacht. Fast drei Jahre arbeitete ich damals freiberuflich für diese Firma. Dann nahm ich dort eine Festanstellung an, meinem Sohn zuliebe: Um ihn zu mir holen zu können, musste ich dem Familiengericht ein sicheres Einkommen nachweisen. Nach einem Jahr wusste ich, dass das nichts für mich ist, und kündigte – nicht gerade im Guten. Die Antwort der Firma: Wer einmal festangestellt war, wird später nicht mehr als Freiberufler gebucht. Drei Jahre Zusammenarbeit zählten plötzlich nicht mehr.
Ein halbes Jahr später änderte sich etwas im Intranet, und der Kiosk-PC rief seine Seite nicht mehr auf. Drei studierte Informatiker setzten sich davor – und kamen nicht einmal an das System heran, um die nötige Änderung vorzunehmen. Nach drei Wochen hieß es dann: Na gut, dann buchen wir ihn eben doch.
Ich hätte für diesen Einsatz ein Vielfaches meines Stundensatzes verlangen können. Es konnte ja offensichtlich niemand sonst. Ich habe mich nicht getraut und meinen üblichen Satz genommen. Wer nicht einschätzen kann, wie besonders seine Fähigkeiten sind, verkauft sie zum Normalpreis.
Und das, wofür man kritisiert wird, halten alle anderen für normal – also sieht niemand, dass es einem schwerfällt. Eine Steuererklärung pünktlich abgeben, das kann doch jeder. So steht man für seine Defizite permanent in der Kritik, statt Hilfe zu bekommen, während die eigenen Stärken unbemerkt bleiben – von anderen wie von einem selbst.
Wer Kafka verstehen will, sollte einmal ein paar Jahre mit einer Vollstreckungsstelle korrespondieren. Der Prozess liest sich danach wie eine Gutenachtgeschichte.
Zum Glück hatte ich mit meiner Frau schon vor der Diagnose jemanden an meiner Seite, der mir half, diese Defizite zu kompensieren. Als ich mitten im Corona-Lockdown auf meinen Endgegner traf, einen Sachbearbeiter, der mir erklärte, er würde mich sofort dichtmachen, wenn er nur könnte, wie er wollte, war ich mit dem Aufräumen meiner Altlasten schon fast durch. Die zwei Jahre, die ich danach noch überstehen musste, waren für mich die perfekte Verkörperung von „Die Nacht ist am finstersten kurz vor dem Morgengrauen“. Und sie endeten mit einem wunderschönen Morgengrauen: ohne jede weitere Pfändungsmaßnahme.
Was ich heute anders mache
Bei meinen großen Kindern habe ich hauptsächlich auf ihre Stärken geschaut und war für sie der typische stolze Vater. Für ihre Schwächen war ich blind. Und das bedaure ich. Für mich war all das normal. Ich bin selbst irgendwie durchgekommen, ohne es je als Ausrede dafür zu benutzen, woran ich scheitere. Also habe ich es auch bei ihnen nicht gesehen. Mein blinder Fleck war auch ihrer.
Bei meiner kleinen Tochter versuche ich, es besser zu machen. Ich will ihr ein Bewusstsein dafür geben, welche ihrer Eigenschaften besonders sind – damit sie sie nicht für selbstverständlich hält und eines Tages unter Wert verkauft. Und ebenso dafür, welche Dinge ihr schwerfallen, aber leider notwendig sind und deshalb nicht einfach liegen bleiben dürfen. Die entscheidende Frage dabei ist: Kritisieren wir sie für ihre Defizite – oder suchen wir mit ihr nach Wegen, sie zu kompensieren?
Zum Glück habe ich eine Frau, die die Geduld aufbringt, sich mit ihr hinzusetzen und die Hausaufgaben durchzugehen. Ihre einzige Bedingung: dass ich über meinen eigenen schulischen Fleiß ein Schweigegelübde ablege. Die Kunstlehrerin lässt grüßen. Meine Aufgabe ist es dann manchmal, meine Frau vor der Verzweiflung zu bewahren – indem ich ihr klarmache, dass unsere Tochter das nicht mit Absicht macht.
Am Ende bleibt die große Verantwortung von Eltern: Man muss Entscheidungen treffen, von denen man erst später weiß, ob man sie besser anders getroffen hätte. Und manchmal scheitert man dabei. Wobei Scheitern relativ ist: Meine beiden Großen haben ihr Abitur gemacht, mit mehr oder weniger Aufwand und mehr oder weniger gutem Ergebnis. Trotzdem hätte ich ihnen rückblickend gern geholfen, einen besseren Umgang mit Neurodivergenz zu finden. Ausgerechnet die Modediagnose, die in ihrer Jugend um sich griff, hat mich davon abgehalten, mich ernsthaft damit auseinanderzusetzen.
Was daraus folgt
Die Frage ist nicht, ob es ADHS gibt. Die Frage ist, wie sorgfältig diagnostiziert wird.
Eine Diagnose auf Sicht, gestellt von einer Beratungsstelle nach einem Gespräch, ist keine Diagnose. Ein Ausschluss auf Grundlage eines einzigen konzentrierten Testnachmittags auch nicht. Wer ADHS ernst nimmt, muss es gegen beides verteidigen: gegen die, die es leugnen, und gegen die, die es inflationär verteilen.
Denn jede leichtfertige Diagnose liefert den Leugnern ein Argument. Und jedes übersehene Kind liefert den Inflationären eines.
Und dazwischen stehen die Eltern. Eine oberflächliche Diagnostik lässt sie mit der eigentlichen Entscheidung allein: Was machen wir jetzt damit? Wenn eine Fachkraft nach einem Gespräch sagt: „Ihr Sohn hat ADHS“, haben die meisten Respekt vor dieser Einschätzung. Und nur wenige haben die Zeit, die Kraft oder die Lust, sich selbst in der Tiefe damit auseinanderzusetzen.
Ich habe damals Nein gesagt – aus den falschen Gründen. Andere sagen Ja, ebenso aus falschen Gründen. Beides ist das Ergebnis einer Diagnostik, die Eltern ein Etikett gibt statt einer Grundlage für ihre Entscheidung.

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