Uncertainty is Bliss – warum wir nicht immer recht haben müssen
Die verlorene Datasette
Irgendwo liegt eine Datasette. Vermutlich auf einer Müllkippe, vielleicht noch in einem Karton auf einem Dachboden. Auf ihr sind die Texte, die ich als Oberstufenschüler für unsere Schülerzeitung geschrieben habe, mit einem C64, der damals Zukunft war.
Abspielen kann sie niemand mehr.
Was ich von diesen Texten noch habe, ist nicht ihr Wortlaut, sondern eine Erinnerung an ihre Haltung. Ich habe damals immer wieder dieselbe Frage gestellt: Wie sähe diese Welt aus, wenn sie jemand aus der anderen Schublade beschreibt?
Angefangen hatte das 1987 mit den Krawallen in Kreuzberg, rund um den angekündigten Besuch Ronald Reagans, bis hin zu dem Tag, an dem die Polizei ein ganzes Viertel abriegelte. Im Westfernsehen sah ich Linksautonome, die den Anlass nutzten, um im traditionell linken Kreuzberg Straßenschlachten zu veranstalten. In der Aktuellen Kamera sah ich dieselben Straßen, aber andere Bilder: Polizisten, die auf scheinbar harmlose Bürger einknüppelten. Für mich sah das aus wie ein umgekehrter 17. Juni, diesmal im Westen. Beide Sender zeigten dieselben Ereignisse. Aber Schnitt und Kameraperspektive erzählten zwei vollkommen verschiedene Wirklichkeiten.
Gelogen hatte vermutlich keiner von beiden. Die Berliner Polizei dieser Jahre kannte ich selbst: Schon bei unserer völlig harmlosen Schülerdemo zur Kultusministerkonferenz ging sie so ruppig vor, dass sich auch mir das Gefühl von Polizeistaat aufdrängte. Aber zwischen ruppig und dem, was die Aktuelle Kamera oder manche Aktivisten daraus machten, lag eine ganze Welt. Jeder hatte nur gezeigt, was in seinen Tunnel passte.
Wie konsequent ich damals wirklich so gedacht habe, kann ich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Auch mein damaliges Weltbild war vollgestellt mit Glaubenssätzen. Und um genau die geht es in diesem Text.
Der echte Lackmustest für diese Weltsicht kam kurz darauf: mein Philosophiestudium.
Die Scham
Mit zwanzig glaubte ich, die Welt schon recht gut verstanden zu haben.
Das hielt ungefähr ein Semester.
Dann kam das erste Seminar, das eine meiner sicheren Annahmen in ihre Einzelteile zerlegte. Dann das nächste. Meinen Kindern habe ich es später einmal so beschrieben: Jedes Semester wurde mein Weltbild zertrümmert, und jedes Semester musste ich es mühsam wieder zusammensetzen. Hoffentlich stabiler, damit es das nächste kognitive Beben heil übersteht.
Das Gefühl dabei war keine intellektuelle Neugier. Es war Scham.
Scheiße, du bist oberflächlich. Die Welt ist ganz anders, als du dachtest. Und alle anderen hier wissen offenbar viel mehr als du.
Was ich damals noch nicht verstand: Die anderen saßen im selben Seminar. Und das nächste würde auch sie zerlegen.
Die Entdeckung
Nach drei, vier Semestern dämmerte mir etwas. Es kam immer jemand mit etwas anderem. Egal, wie gründlich ich mich in eine Perspektive einarbeitete, der nächste Bulldozer stand schon bereit.
Das konnte nicht die Wahrheit über die Welt sein. Es war die Wahrheit über unseren Blick auf sie.
Die Sprache dafür fand ich nicht im Seminar, sondern bei Robert Anton Wilson. In „Der neue Prometheus“ nennt er es Realitätstunnel. Jeder von uns sieht die Welt durch einen Filter aus Herkunft, Sprache und Überzeugungen. Das Problem ist nicht, dass wir einen solchen Tunnel haben. Das Problem ist, ihn für die Welt zu halten.
Und eine von Wilsons Übungen kam mir seltsam vertraut vor: Lies eine Nachricht und überlege, wie die Gegenseite sie erzählen würde. Das hatte ich schon in der Schülerzeitung getan, ohne zu wissen, dass es dafür eine Theorie gab.
In „Illuminatus!“ zitiert Wilson Hassan-i Sabbah: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.“ Ich habe mir daraus meine eigene Fassung gemacht: Nichts ist wahr, alles ist möglich. Nicht als Freibrief, sondern als Erinnerung daran, dass mein Tunnel nicht der einzige ist.
Modelle statt Wahrheiten
Das heißt nicht, dass ich keine Meinungen habe. Ich habe sogar ziemlich feste. Aber ich behandle sie als Modelle, nicht als Wahrheiten.
Ein Modell muss nicht wahr sein. Es muss etwas erklären, und es muss zeigen, wo es versagt.
So arbeitet übrigens auch die Wissenschaft, auch wenn das in Talkshows selten so klingt. Sie hat recht, bis jemand sie widerlegt. Wer verlangt, jede Überzeugung hundertprozentig zu begründen, verlangt etwas, das nicht einmal die Physik leisten kann. Jede Begründung endet irgendwann an einer Annahme, die man nicht mehr beweisen kann.
Dasselbe gilt für Zahlen. Auch eine Statistik ist nur ein Realitätstunnel: Sie zeigt, was gezählt wurde, nicht, warum es so ist.
Und hier liegt die eigentliche Erleichterung. Wer seine Überzeugungen für Wahrheiten hält, verteidigt mit jeder Meinung sich selbst. Jeder Widerspruch wird zum Angriff.
Wer dagegen Modelle hat, verliert im schlimmsten Fall ein Werkzeug. Nicht sich selbst.
Deshalb kann ich zu meiner Meinung stehen und mich trotzdem irren. Beides gleichzeitig.
Die Tür
Meine Kinder halten mich übrigens für ausgesprochen dogmatisch.
Aus ihrem Tunnel mag das sogar verständlich erscheinen. Wenn meine Tochter mir von der Kritischen Rassentheorie erzählt und ich antworte, dass ich das für eine quasi-religiöse Idee halte, dann klingt das genau wie Dogmatismus.
Aber Modell-Agnostizismus heißt nicht, dass jedes Modell gleich gut ist. Ein Modell, das jeden Widerspruch als Bestätigung verbucht, ist kein Modell mehr. Es ist ein Glaubenssatz.
Hier liegt auch, was die Postmoderne so verführerisch macht. Auf den ersten Blick klingt sie wie Wilson: Es gibt keine große Wahrheit, alles ist Perspektive, Wissen ist konstruiert. Das wirkt demütig, und es entlastet.
Der Unterschied liegt darin, auf wen man den Zweifel anwendet. Wilson relativiert jeden Tunnel, auch seinen eigenen. Die aktivistische Postmoderne, deren Kind die Kritische Rassentheorie ist, relativiert nur die Wahrheiten der anderen. Ihr eigenes Modell von Macht und Unterdrückung gilt als unbestreitbar. Sie zweifelt nach außen und glaubt nach innen.
Deshalb halte ich sie für quasi-religiös. Nicht, weil sie zweifelt. Sondern weil sie bei sich selbst damit aufhört.
Was würde mich umstimmen? Das kann ich nicht wissen, sonst hätte ich längst eine andere Sicht. Vielleicht gibt es diese Argumente, und die Gläubigen, mit denen ich bisher diskutiert habe, konnten sie nur nicht ausformulieren. Vielleicht gibt es sie auch nicht. Sagen kann ich aber, was mich nicht umstimmt: Statistiken, die nur Ergebnisse zählen und Diskriminierung als Ursache voraussetzen.
Natürlich wird auch versucht, Ursachen nachzuweisen, etwa mit sogenannten Korrespondenztests. Aber auch die sind bei genauer Betrachtung weniger aussagekräftig, als gern behauptet wird. Forscher verschicken dabei identische Bewerbungen und tauschen nur den Namen. Eine Studie des IZA schickte auf über 500 Praktikumsstellen jeweils zwei gleichwertige Bewerbungen: Die mit deutsch klingendem Namen bekamen rund 14 Prozent mehr Rückmeldungen als die mit türkisch klingendem. In einer anderen Studie musste eine Bewerberin mit türkischem Namen und Kopftuch auf dem Foto rund viereinhalbmal so viele Bewerbungen schreiben wie dieselbe Frau als „Sandra Bauer“, um gleich oft eingeladen zu werden.
Das zeigt sauber, dass ungleich behandelt wird, und das bestreite ich nicht. Es zeigt aber nicht, warum. Und genau dort wird aus dem Befund schnell eine Behauptung, die er nicht trägt.
Bei Frauennamen ist das Bild weniger eindeutig, als man erwarten würde. Eine Metaanalyse fast aller Korrespondenzexperimente seit 2005 fand insgesamt sogar einen leichten Vorteil für Frauen. In der Debatte über die systemische Benachteiligung von Frauen kommt das erstaunlich selten vor.
Ist das also ein Beleg für systemische Diskriminierung? In der IZA-Studie verschwand der Nachteil des türkischen Namens, sobald der Bewerbung ein Referenzschreiben beilag, das etwas über die Persönlichkeit verriet. Die Arbeitgeber hatten also kein festes Feindbild. Sie hatten zu wenig Information und füllten die Lücke mit einer Gruppenannahme. Sobald jemand die Tür öffnete, ging sie auf.
Auffällig ist auch, wo bei der Kopftuch-Studie der große Sprung liegt. Während die Bewerberin mit türkischem Namen ohne Kopftuch nur einen geringeren Abstand zu „Sandra Bauer“ hatte, brach ihre Quote erst mit dem Kopftuch auf ein Drittel ein. Das spricht weniger für eine pauschale Ablehnung von Migrantinnen als für die Reaktion auf ein konkretes, selbst gewähltes Signal.
Dort hat der Arbeitgeber nicht auf fehlende Information reagiert, sondern auf eine vorhandene. Einen Namen sucht man sich nicht aus, ein Kopftuch auf dem Bewerbungsfoto schon. Wer seine Religion dort sichtbar macht, sagt damit etwas über sich, und der Arbeitgeber fragt sich, wie viel Reibung das im Team bedeuten kann. Ob seine Deutung fair ist, kann man bezweifeln. Aber niemand würde von Diskriminierung reden, wenn ein Bewerber mit Irokesenschnitt und Nietenlederjacke auf dem Foto seltener zum Gespräch bei einer Bank eingeladen wird.
Das macht es für den Aussortierten nicht besser. Aber wer darin den Beweis für ein System sieht, das Frauen und Minderheiten unten halten will, misst die Wirklichkeit an einem unrealistischen Ideal: dem moralisch einwandfreien Entscheider, der zu hundert Prozent auf den Einzelfall schaut. Warum das infantiles Wunschdenken ist, habe ich in meinem Text über Collien Fernandes und Sektenführer ausführlich beschrieben.
Wir alle entscheiden täglich auf dünner Grundlage. Ein Vermieter, der einen Mieter kaum wieder loswird, selbst wenn der unzuverlässig zahlt oder als Mietnomade die Wohnung ruiniert, wählt vorsichtiger aus als einer, der im Zweifel mit kurzer Frist kündigen und drei Wochen später räumen lassen könnte. Dasselbe gilt für einen Arbeitgeber mit einer Schlüsselposition: Eine hochqualifizierte Frau erhält mit einer Schwangerschaft einen nahezu unbrechbaren Kündigungsschutz, und die Stelle muss er während der Elternzeit freihalten, ohne sie dauerhaft neu besetzen zu können. Je schwerer eine Entscheidung rückgängig zu machen ist, desto strenger wird vorher gefiltert. Der Schutz, der helfen soll, verstärkt die Vorsicht, die ausschließt.
Bei einer generischen Bewerbung, die nur Fakten aufzählt, kann dann schon der Name den Ausschlag geben. Dafür muss niemand frauen- oder fremdenfeindlich sein. Es genügt, dass er das Risiko scheut und sonst nichts weiß.
Entscheidend ist deshalb nicht, ob wir Vorannahmen haben. Entscheidend ist, ob sie eine Tür haben. Wer sich vom Gegenüber durch zusätzliche Information korrigieren lässt, etwa durch ein Referenzschreiben, benutzt ein Modell. Wer nur auf den Score oder den Namen schaut und nie einlädt, verhindert genau die Information, die ihn korrigieren könnte. Die IZA-Studie zeigt eher das erste Muster. Und diese Erkenntnis verlangt eine andere Therapie: mehr Information statt mehr Schuld.
Und bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, ich müsste beweisen, dass meine Erklärung die richtige ist: Nein, muss ich nicht. Ich behaupte nicht, die einzig richtige Erklärung gefunden zu haben. Ich zeige lediglich, dass es andere Erklärungen gibt, die mit denselben Beobachtungen vereinbar sind.
Wer aus einer statistischen Ungleichheit auf eine bestimmte Ursache schließt, muss diesen Schluss begründen. Vielleicht ist meine Erklärung falsch, vielleicht ist sie nur ein Teil der Wahrheit. Aber solange mehrere Erklärungen möglich sind, sollte niemand seine bevorzugte Interpretation zur unumstößlichen Tatsache erklären. Es geht nicht darum, wer am Ende recht behält, sondern ob wir überhaupt noch bereit sind, mehr als eine zuzulassen.
Es hilft den Betroffenen auch nicht, sich als Opfer eines strukturell rassistischen oder sexistischen Systems darzustellen. Im Gegenteil, es kann den Bias sogar verstärken. Denn dann fragt sich der Arbeitgeber oder Vermieter: Will ich wirklich jemanden nehmen, bei dem jede Kritik mit der Rassismus- oder Sexismuskeule beantwortet werden könnte?
Man mag mir hier natürlich vorwerfen, ich als alter weißer Mann wisse nicht, wovon ich rede. Da muss ich meine Kritiker enttäuschen. Ich weiß ziemlich gut, wie sich eine Vorannahme anfühlt, die einen trifft. Ich bin seit dreißig Jahren selbstständig. Für Vermieter und Banken heißt das: potenziell pleite. Jeder Kleinkredit für einen Gebrauchtwagen ist für mich ein Kraftakt, während ich Frauen kenne, denen man mit einem durchschnittlich bezahlten Job in einer Behörde problemlos 20.000 Euro hinterherwirft. Noch schlimmer ist es auf dem Wohnungsmarkt. Mit 40 wurde ich bei einer Wohnungsbewerbung noch gefragt, ob nicht mein Vater für mich bürgen könne.
Noch absurder wurde es, als ich für meine Tochter bürgen wollte. Meine Bonität war gerade nicht makellos, mein Einkommen lag aber deutlich über dem der meisten. Der Vermieter lehnte trotzdem ab. Die Lösung: Meine Tochter unterbrach ihr Studium, beantragte Hartz IV und kam mit dem Bescheid vom Jobcenter zurück. Den akzeptierte er.
Er nahm lieber jemanden ohne jedes Einkommen, solange der Staat dahinterstand, als einen gut verdienenden Selbstständigen. Er entschied nicht nach Leistungsfähigkeit, sondern nach Gewissheit. Auf meine Zahlen schaute er nie.
Diesem Vermieter fehlte die Tür. Aber sie fehlt genauso der Theorie, die jede Ungleichheit zur Diskriminierung erklärt.
Der Dogmatiker hat keine Tür. Der Skeptiker hat eine, er fragt nur, wer anklopft.
Und genau deshalb überzeugen mich gerade in den sozialen Medien so wenige Diskussionen. Nicht, weil niemand Zahlen hätte. Zahlen gibt es dort reichlich. Sondern weil kaum jemand fragt, was sie eigentlich messen, was sie weglassen und warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Wer mir eine Zahl entgegenhält, die er selbst nie hinterfragt hat, bringt kein Argument mit. Er bringt nur seinen Tunnel mit, in dem diese Zahlen ein sinnvolles Argument darstellen.
Wer recht haben muss
Wie das im Großen aussieht, hat uns Corona vorgeführt.
Ich bin kein Impfgegner. Ich habe mich impfen lassen, weil ich damals deutlich zu viel wog und Kreislaufprobleme hatte. Wenn jemand zur Risikogruppe gehörte, dann vermutlich ich. Rückblickend hätte ich lieber früher damit anfangen sollen, die 25 Kilo abzunehmen und meinen Körperfettanteil unter 15 Prozent zu drücken. Aber die Entscheidung war eine Abwägung, kein Bekenntnis.
Erschreckt hat mich etwas anderes. Es war die Gewissheit, mit der damals eine Linie verteidigt wurde, auch dann noch, als ihre Begründungen bröckelten. Der Fremdschutz, mit dem der Druck zur Durchimpfung begründet wurde, hielt nicht. Der Druck blieb trotzdem. Und das Risiko war von Anfang an sehr ungleich verteilt: Das Durchschnittsalter der Toten lag bei rund 80 Jahren.
„Follow the Science“ war deshalb nie ein wissenschaftlicher Satz, sondern ein Glaubenssatz. Wissenschaft ist nichts, dem man folgt. Sie ist eine These, die gilt, bis jemand sie widerlegt. Und selbst die beste These sagt uns, was ist, nicht, was wir tun sollen. Wissenschaft kann beraten. Führen kann sie nicht.
Wohin es führt, wenn man sie führen lässt, hat das 20. Jahrhundert gezeigt. Die Eugenik galt damals als Spitzenforschung, gelehrt an Universitäten in den USA, in Skandinavien und in Deutschland. Die Nationalsozialisten konnten ihre Euthanasie-Morde deshalb als angewandte Wissenschaft ausgeben. Das Verbrechen begann dort, wo man glaubte, aus einer These folge, was zu tun sei.
Ob man Schulen schließt oder Alte allein sterben lässt, entscheidet keine Studie, sondern eine Abwägung von Werten. Wer das damals sagte, galt als wissenschaftsfeindlich. Dabei hatte gerade er verstanden, was Wissenschaft eigentlich ist.
Jens Spahn sagte im April 2020 im Bundestag, „dass wir miteinander wahrscheinlich viel werden verzeihen müssen in ein paar Monaten“. Und er hatte recht. Die Informationslage war dünn, die Risiken schwer abzuschätzen und die Folgen politischer Entscheidungen kaum vorhersehbar. Dass dabei Fehler gemacht würden, war unvermeidlich. Gerade deshalb hätten wir eine politische Kultur gebraucht, die andere Lösungsansätze zulässt, Entscheidungen überprüft und Irrtümer korrigiert.
Stattdessen erlebten wir eine Politik der Alternativlosigkeit, ein Begriff, den Angela Merkel schon lange vor Corona populär gemacht hatte. Aus wissenschaftlichen Erkenntnissen wurden politische Notwendigkeiten, aus politischen Entscheidungen moralische Verpflichtungen. Wer Alternativen diskutieren wollte, musste damit rechnen, als verantwortungslos oder unsolidarisch zu gelten. Bei manchen Profisportlern konnte man öffentlich beobachten, wie aus einer persönlichen Impfentscheidung eine Frage der moralischen Zugehörigkeit gemacht wurde.
Besonders bemerkenswert war das, weil es um die Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte ging. In einem freiheitlichen Rechtsstaat ist nicht die Freiheit rechtfertigungsbedürftig, sondern ihre Einschränkung. Trotzdem entstand zeitweise der Eindruck, als müssten diejenigen, die ihre Grundrechte wahrnehmen wollten, erklären, warum sie das überhaupt für vertretbar hielten.
Spahns Satz hätte die Grundlage einer vernünftigen Fehlerkultur sein können. Das Problem waren nicht die Fehler. Das Problem war, dass man sie nicht zugeben durfte.
Und wer auf Schweden verwies, bekam selten ein Gegenargument. Er bekam ein Etikett.
Das Etikett verfehlte den Punkt: Schweden ist gerade kein Beispiel dafür, dass jemand von Anfang an recht hatte. Das Land hat in der ersten Welle schwere Fehler gemacht, vor allem in den Altenheimen. Aber es hat sie benannt. Eine Kommission bescheinigte der eigenen Regierung Versagen, und die Strategie wurde korrigiert. Am Ende stand eine der niedrigsten Übersterblichkeiten Europas, bei deutlich weniger Zwang.
Schweden hat seine Strategie als Modell behandelt, das scheitern darf. Deutschland behandelte seine als Wahrheit, die man verteidigen muss. Eine ernsthafte Aufarbeitung begann erst Jahre später.
Und genau das ist der Unterschied. Wer irren darf, kann sich korrigieren. Wer recht haben muss, kann es nicht.
Warum wir uns festklammern
Im Studium habe ich gelernt, dass selbst „Gras ist grün“ keine ganz einfache Wahrheit ist. Messbar ist nur, welche Wellenlänge das Gras zurückwirft. Das „Grün“ macht erst unser Auge daraus. Ein Farbenblinder sieht es anders, eine Hummel, die Ultraviolett wahrnimmt, erst recht. Wenn schon das Gras ein Modell ist, wie viel Gewissheit bleibt dann für Politik, Moral und Geschmack?
Natürlich gibt es objektive Wahrheiten. Die Schwerkraft interessiert sich herzlich wenig dafür, ob ich an sie glaube. Aber zwischen der Existenz einer objektiven Wahrheit und unserer Fähigkeit, sie zweifelsfrei zu erkennen, liegt ein erheblicher Unterschied.
Nehmen wir einen Vaterschaftstest. Eigentlich ein schönes Beispiel für eine eindeutige Wahrheit. Entweder bin ich der biologische Vater eines Kindes oder ich bin es nicht. Dazwischen gibt es wenig Spielraum.
Nur liefert uns selbst der moderne DNA-Test bei einer bestätigten Vaterschaft keine absolute Gewissheit, sondern eine statistisch berechnete Wahrscheinlichkeit. Die mag bei 99,99 Prozent oder darüber liegen und für praktisch jede vernünftige Entscheidung ausreichen. Aber hundert Prozent sind es eben nicht.
Das macht den Test nicht schlechter. Es zeigt lediglich, dass wir selbst dort, wo die Wirklichkeit eindeutig ist, mit Modellen und Wahrscheinlichkeiten arbeiten, um sie zu erkennen.
Und ausgerechnet bei den Fragen, über die Freundschaften zerbrechen, Familien auseinandergerissen werden und ganze Gesellschaften sich in feindliche Lager aufspalten, ist die Wahrheit häufig erheblich schwieriger zu erkennen.
Wer ist schuld am Scheitern einer Beziehung? Was ist gerecht? Welche politischen Entscheidungen sind richtig? Was schulden Eltern ihren Kindern und Kinder ihren Eltern?
Hier vermischen sich Tatsachen mit Interpretationen, persönliche Erfahrungen mit Wertvorstellungen und nachvollziehbare Interessen mit moralischen Überzeugungen.
Und gerade dort, wo wir am wenigsten Gewissheit haben können, verteidigen wir unsere Überzeugungen mit der größten Verbissenheit.
Warum also klammern wir uns so an unsere Meinungen, als wären sie Wahrheiten über die Welt?
Am deutlichsten sieht man es dort, wo es gar keine Wahrheit gibt: bei Musik. Menschen verteidigen ihre Lieblingsmusik, als ginge es um ihr Leben. Dabei könnten die wenigsten, mich eingeschlossen, überhaupt erklären, was gute Musik ausmacht. Und es spielt auch keine Rolle. Musik ist Kommunikation. Manchen sagt sie etwas, anderen nicht. Die Sex Pistols waren handwerklich vermutlich nicht viel wert und haben trotzdem Menschen etwas über die Welt erzählt, das ihnen wichtig war.
Woher dann der Streit? Weil Musik nicht nur etwas über die Welt sagt, sondern auch über den Hörer. Wer meine Musik schlecht findet, sagt mir scheinbar nicht „das spricht mich nicht an“, sondern „du gehörst nicht dazu“.
Ob eine Hummel Gras grün sieht, regt niemanden auf. Ob die Sex Pistols Musik gemacht haben, schon. Je unwichtiger eine Frage für unsere Identität ist, desto gelassener ertragen wir abweichende Antworten. Das ist ein uralter Reflex: Für unsere Vorfahren war Zugehörigkeit Überleben, und wer aus der Gruppe flog, starb. Deshalb verteidigen wir bis heute nicht das am heftigsten, was uns am Leben hält, sondern das, was uns zur Gruppe zählen lässt.
Religion war über Jahrtausende die Antwort auf genau diesen Reflex. Sie stiftete Zugehörigkeit, gab Regeln vor und trennte die Gläubigen von den anderen. Heute haben wir sie weitgehend arbeitslos gemacht: Die Kirchen verlieren ihre Mitglieder, und selbst sie behandeln ihren eigenen Glauben zunehmend als belanglos. Das Bedürfnis aber ist geblieben. Es hat sich nur neue Altäre gesucht, ob die Befreiung Palästinas oder die richtige Ernährung.
Meine Frau hat das einmal auf den Punkt gebracht: Ernährung ist heute Religionsersatz. Unser gesamtes Verdauungssystem ist darauf aufgebaut, dass wir Fleisch essen; Vitamin B12 etwa liefert uns pflanzliche Nahrung praktisch nicht. Natürlich kann man trotzdem vegan leben. Das ist keine Frage, ob es geht, sondern eine des Aufwands: Eine gesunde vegane Ernährung ist wesentlich komplizierter als eine gesunde Mischkost. Wer diesen Aufwand aus moralischer Überzeugung auf sich nimmt, kann das selbstverständlich tun.
Problematisch wird es erst beim missionarischen Teil. Ob wir Tiere essen sollen, ist eine moralische Frage, keine biologische. Verhandelt wird sie aber, als wäre sie eine: Der Mensch sei eigentlich Pflanzenfresser, vegan sei ohnehin gesünder, und wer Fleisch isst, stehe auf der falschen Seite der Geschichte. Da wird eine Wertentscheidung als Naturtatsache verkleidet. Nur hält die Verkleidung nicht. Als Naturtatsache wäre die Sache schnell widerlegt: Unsere Magensäure ist so aggressiv, wie man sie sonst bei Aasfressern findet. Das ist ein Körper, der darauf ausgelegt ist, auch Fleisch zweifelhafter Herkunft zu verdauen, ohne an jedem Keim zu sterben. Übrig bleibt die Moral. Über die könnte man diskutieren. Stattdessen wird bekehrt.
Ein Verzicht ist eine Überzeugung. Erst die Mission macht daraus eine Religion.
Mit politischen Meinungen ist es genauso, nur steht mehr auf dem Spiel. Wir klammern uns nicht an sie, weil sie wahr sind. Wir klammern uns an sie, weil sie uns sagen, wer wir sind und wohin wir gehören. Deshalb fühlt sich Widerspruch wie Verrat an, und der Andersdenkende wird zum Feind.
Ich versuche, das nicht zu brauchen. Mit manchen Leuten auf X streite ich bis aufs Blut über das Existenzrecht Israels, mit anderen über ganz andere Dinge. Und trotzdem gibt es fast immer Felder, auf denen wir uns treffen. Ich muss niemanden verdammen, nur weil er an einer Stelle falsch denkt.
Manchmal streite ich trotzdem hart, und dann am liebsten mit einem Spiegel. Wenn auf X jemand schreibt, Männer müssten endlich lernen, dass sie keinen selbstverständlichen Anspruch auf ihre Kinder haben, antworte ich mit demselben Satz über Frauen. Plötzlich klingt er unerträglich. Ich habe kein neues Argument gebracht. Ich habe nur den anderen Tunnel gezeigt.
Es ist im Grunde dieselbe Übung wie damals in der Schülerzeitung: die Welt aus der anderen Schublade beschreiben. Nur dass ich sie heute nicht mehr bloß für mich mache, sondern meinem Gegenüber vorführe.
Dasselbe gilt, wenn ich hart über Personen schreibe. Über Jan Böhmermann habe ich einmal gesagt, er sei eine gescheiterte Existenz, deren Narzissmus auch eine große Bühne nicht rettet. Aber nicht zufällig stand davor der Satz: „Um es in seinem Stil zu formulieren.“ Böhmermann lebt davon, anderen moralische Etiketten umzuhängen und zu entscheiden, wer überhaupt noch mitreden darf. Wenn ich ihn kritisiere, dann mit seinen eigenen Maßstäben. Das ist Polemik als Spiegel, kein Weltbild.
Der Unterschied liegt wieder bei der Tür. Böhmermann erklärt, mit wem man nicht reden soll. Ich würde mit ihm trotzdem über Sexualkunde, Corona oder die AfD diskutieren, wenn er sich darauf einließe. Wer den anderen am Ende nicht mehr für gesprächsfähig hält, hat aufgehört zu streiten. Er hat angefangen zu verdammen.
Nichts ist wahr, alles ist möglich
Irgendwo liegt also diese Datasette. Ich weiß nicht mehr genau, was auf ihr steht. Aber ich weiß, welche Frage der Schüler damals gestellt hat: Wie sähe diese Welt aus, wenn sie jemand aus der anderen Schublade beschreibt?
Das Studium hat diese Frage erst zerlegt und dann bestätigt. Dazwischen lagen ein paar Semester Scham, bis ich verstand, dass die anderen nicht mehr wussten als ich. Sie standen nur in einem anderen Tunnel.
Selbst das Gras ist nur so grün, wie mein Auge es mir zeigt. Das hat mich nicht verunsichert, sondern entlastet. Ich muss die Welt nicht besitzen, um in ihr zu leben. Ich muss nur die Tür offen lassen.
Seitdem habe ich feste Meinungen und streite gern für sie, manchmal auch laut. Aber ich muss nicht recht haben, um ruhig schlafen zu können. Und ich muss niemanden für einen Feind halten, nur weil er die Welt von woanders sieht. Zumal er in anderen Punkten durchaus mein Freund sein kann.
Cypher in „Matrix“ wählte das simulierte Steak, weil Unwissenheit angeblich glücklich macht. Ich glaube, er hat sich geirrt. Glücklich macht nicht, die Wirklichkeit zu verdrängen. Glücklich macht, mit den Grenzen des eigenen Blicks Frieden zu schließen.
Nichts ist wahr, alles ist möglich.
Wer irren darf, lebt leichter.
P.S.: Wer übrigens wissen will, wie die Welt ohne Realitätstunnel aussehen würde, sei auf Aldous Huxley verwiesen. In „Die Pforten der Wahrnehmung“ beschreibt er seinen Meskalinrausch und borgt sich dafür einen Satz von William Blake: „Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt würden, erschiene dem Menschen alles, wie es ist: unendlich.“ Das ist bestimmt sehr interessant. Aber wer einmal einen Menschen auf einem solchen Trip erlebt hat, weiß, dass das kein dauerhaft lebensfähiger Zustand ist.

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