Politische Schubladen der KI
70. Mitte-rechts.
Neulich habe ich Grok, der künstlichen Intelligenz auf X, eine scheinbar einfache Frage gestellt: Analysiere meinen gesamten Account und ordne mich politisch auf einer Skala von 1 bis 100 ein. Eins ist extrem links, 50 die Mitte, 100 extrem rechts.
Die Antwort im Wortlaut:
„Der Account @sexismobserver präsentiert sich mit dem ironischen Bio ‚Institut für achtsame Sprache und gendergerechte Beleidigungen‘ und veröffentlicht Essays sowie Podcasts zu Geschlechterdynamiken, Philosophie und Gesellschaft.
Die Beiträge heben biologische Erklärungen für Rollenunterschiede und Verhaltensmuster hervor und kritisieren patriarchatszentrierte feministische Narrative sowie dogmatische Positionen.
Politisch ordne ich den Account auf der Skala von 1 (extreme Linke) bis 100 (extreme Rechte) bei etwa 70 ein – als skeptisch-realistischer Kritiker linker Identitätspolitik mit philosophisch-liberalem, anti-dogmatischem Einschlag im Mitte-rechts-Bereich.“
70. Mitte-rechts.
Immerhin, der „philosophisch-liberale, anti-dogmatische Einschlag“. Der hat mich vermutlich vor der 80 bewahrt. Wie beruhigend.
Eine Zahl, die ihre eigene Begründung widerlegt
70. Nicht 65. Nicht 73. Eine Zahl mit der Aura einer Messung.
Das Bemerkenswerte: Grok hat selbst erklärt, warum diese Zahl nichts taugt. Politische Einstellungen seien multidimensional. Wirtschaft, Sozialstaat, individuelle Freiheit, Migration, Geschlechterpolitik, Außenpolitik – wer das auf eine einzige Achse presst, verliert erhebliche Informationen.
Und dann hat es mich auf eine einzige Achse gepresst.
Das ist, als würde der Wetterbericht erklären, dass Temperatur, Wind und Niederschlag drei verschiedene Dinge sind – und anschließend melden: Wetter 70.
Und noch eine Rechnung: Wenn 100 extrem rechts ist, steht dort Adolf Hitler. Dann bleiben zwischen ihm und mir 30 Punkte, und in die müssen Union, AfD, NPD und NSDAP gemeinsam hineinpassen. Eine Skala, die so eng wird, sobald man der selbstdefinierten Linken von 2026 widerspricht, misst keine Abstände mehr. Sie verteilt nur noch Etiketten.
Nun bin ich jemand, der es in seinem bisherigen Leben nicht einmal fertiggebracht hat, die CDU zu wählen. Ich bin sozialdemokratisch sozialisiert, habe mich immer eher sozialliberal verstanden und kann mit konservativen Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung herzlich wenig anfangen. Aber offenbar bin ich inzwischen rechts.
Das ist umso erstaunlicher, als mich der Political Compass, ein Test, der vor allem nach Wirtschaft, Eigentum und staatlicher Autorität fragt, 2018 im links-libertären Quadranten verortet hat – zwischen Bernie Sanders und Noam Chomsky, so wie die Macher des Tests die beiden einordnen.

Die Bundestagsparteien hat der Political Compass zur Wahl 2017 anhand ihrer Wahlprogramme eingeordnet. Ich lag links von allen, auch von der Linkspartei. SPD und Grüne landen auf diesem Lineal übrigens rechts-autoritär, im selben Quadranten wie CDU, FDP und AfD.

Auch das ist nur ein Lineal. Aber zwei Lineale, die so weit auseinanderliegen, messen offensichtlich nicht dasselbe.
Mein Blog beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Geschlechterpolitik. Eigentum, Umverteilung, Steuern, Arbeitsmarkt kommen darin kaum vor. Groks eigene Begründung nennt denn auch kein einziges anderes Thema: Biologie, Rollenunterschiede, Kritik am Feminismus. Das ist eine Achse. Grok hat die übrigen trotzdem mitbewertet.
Ausgerechnet Grok. Eine KI, der man eher einen Rechtsdrall nachsagt als ein wokes Gewissen. Will Elon Musk uns etwa einreden, wir seien schon rechts, sobald wir gelegentlich den gesunden Menschenverstand benutzen? Die nüchterne Erklärung ist unbequemer: Wenn selbst Grok Kritik am Feminismus reflexhaft nach rechts sortiert, sitzt diese Schublade tiefer als jede Programmierung. Sie steckt in der Sprache, mit der wir über Politik reden – und aus der diese Maschinen gelernt haben.
Widerspruch als Messgröße
Auf meine Nachfrage verwies Grok auf meine Kritik an feministischen Erklärungsmodellen, an identitätspolitischen Positionen und an der Strategie der Brandmauer. Das alles widerspreche gegenwärtig dominanten linken Positionen und sei deshalb eher rechts einzuordnen.
Man lese diese Logik noch einmal langsam: Eine Überzeugung wird rechts, weil sie einer anderen widerspricht, deren Vertreter sich selbst für links halten.
Ich halte bestimmte feministische Theorien für falsch. Ich halte für belegt, dass sich Männer und Frauen biologisch unterscheiden.
Nur sagt ein Unterschied im Durchschnitt wenig über den einzelnen Menschen. Bei fast allen Eigenschaften überlappen sich die Verteilungen von Männern und Frauen weit stärker, als sie sich unterscheiden. Deutlich wird der Unterschied erst an den Rändern. Nehmen wir Gewalt: Legt man die Glockenkurven männlicher und weiblicher Gewaltbereitschaft übereinander, decken sie sich zum größten Teil. Die allermeisten Männer und Frauen liegen im selben, friedlichen Bereich. Je extremer aber die Gewalt, desto männlicher der Rand: In Berlin waren 2024 bei Körperverletzung knapp acht von zehn Tatverdächtigen Männer, bei Mord und Totschlag neun von zehn. Das sagt etwas über diesen Rand und nichts über den Mann, der neben einem in der S-Bahn sitzt. Wer vom Rand auf alle schließt, wie es Aktivisten gern tun, wenn sie über „Männergewalt“ reden, macht aus einer Statistik einen Generalverdacht.
Und ich bezweifle, dass jede statistische Ungleichverteilung zwischen den Geschlechtern das Ergebnis von Diskriminierung ist. Gerade in diesen Diskussionen schaut man gern auf die extremen Ränder – also genau dorthin, wo die Biologie dann eben doch relevanter wird. Derselbe Rand, der bei der Gewalt alle Männer verdächtig macht, soll bei der Besetzung von Vorständen beweisen, dass alle Frauen benachteiligt werden.
Was davon sagt etwas über meine Haltung zu Eigentum, Sozialstaat oder Umverteilung?
Nichts.
Die Ablehnung einer linken Position ist kein Bekenntnis zu einer rechten Weltanschauung. Man kann eine feministische Theorie verwerfen, weil ihre Erklärung nicht trägt. Man kann identitätspolitische Forderungen ablehnen, weil man individuelle Freiheitsrechte höher gewichtet als Gruppenzugehörigkeit. Das sind liberale Gründe, keine konservativen.
Grok hat also nicht meine Weltanschauung vermessen. Es hat gemessen, wie weit ich vom gegenwärtigen progressiven Meinungskonsens entfernt bin. Dann sollte es seine Skala auch ehrlich beschriften.
Nicht: „1 = extrem links, 100 = extrem rechts.“
Sondern: „1 = Du stimmst den erwarteten progressiven Positionen zu. 100 = Du widersprichst ihnen.“
Auf dieser Skala nehme ich die 70 gern an.
Wer die CDU kritisiert, ist rechts
Dasselbe Muster bei meiner Kritik an der Union. Rechts ist offenbar, wer fragt, ob die CDU durch ihre eigene Entwicklung den Aufstieg der AfD begünstigt hat.
Unter Kohl und Strauß integrierte die Union über Jahrzehnte konservative und rechtskonservative Wähler in eine demokratische Volkspartei. NPD und Republikaner erzielten einzelne Wahlerfolge, etablierten sich aber nie dauerhaft. Mit der AfD änderte sich das. Sie sammelte enttäuschte Wähler von Union und SPD ein und gab radikalen Positionen eine Bühne, die sie als Splitterströmung nie bekommen hätten. Eine größere Echokammer normalisiert, ermutigt und überzeugt.
Ich würde weder CDU noch AfD wählen. Ich muss die Union nicht wählen wollen, um sie an ihre frühere Integrationsfunktion zu erinnern. Und ich muss die AfD nicht unterstützen, um die Brandmauer als Strategie für gescheitert zu halten.
Eine Analyse wird nicht dadurch rechts, dass auch Rechte sie teilen.
Was Grok für 70 hält
Als junger Mann habe ich einige Jahre in einer ziemlich heruntergekommenen Wohnung gelebt. Rund 300 Mark Miete, unangenehme Nachbarschaft, kein Ort, mit dem man Eindruck machen konnte.
Aber ich konnte dort Musik machen, Filme drehen, Philosophie studieren und nebenbei gerade so viel arbeiten, dass es reichte. Vor allem gehörte mir meine Zeit.
Freiheit bestand für mich nicht darin, möglichst viel Geld zu verdienen. Sondern darin, möglichst wenig Geld verdienen zu müssen.
Diese Haltung habe ich auch meinen Kindern mitgegeben: Macht mit eurem Leben, was ihr wollt. Achtet nur darauf, dass ihr euch euren Lebensstandard selbst leisten könnt.
Später wurde ich trotzdem zum klassischen Familienernährer. Ich habe dazu Ja gesagt. Rückblickend würde ich bescheidener leben, weniger arbeiten und mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen. Oder mit dem Schreiben. Oder mit dem Drehen von Filmen.
Man halte das einmal neben das, wofür rechts angeblich steht: Leistung, Aufstieg, Ordnung, der Mann als Versorger. Mein Lebensentwurf ist das Gegenteil davon. Eine Absage an Statusdenken und Leistungsideologie, für die es in jeder linken Wohngemeinschaft der Achtziger Beifall gegeben hätte.
Meine Haltung zur Gleichberechtigung folgt derselben Logik. Ich möchte nicht, dass Frauen vorgeschrieben wird, wie sie zu leben haben. Ich möchte ebenso wenig, dass Männern vorgeschrieben wird, was einen erfolgreichen Mann ausmacht. Wenn eine Frau Karriere machen will, soll sie das tun. Wenn ein Mann lieber seine Kinder betreut, ebenso. Wenn beide in Teilzeit arbeiten und auf Statussymbole pfeifen, ist das ihre Sache.
Gleiche Rechte, faire Chancen, keine vorgeschriebenen Ergebnisse.
Wenn ich beschreibe, dass so etwas in der Gesellschaft selten passiert, und versuche, hierfür Erklärungen zu finden, die nicht auf das patriarchale Unterdrückungsnarrativ der Linken angewiesen sind, heißt das nicht, dass ich das Ergebnis mag. In der Regel greift das Unterdrückungsnarrativ zu kurz. Ich will in meinen Texten erklären, wie es dazu kommt, damit Menschen vielleicht auch wirksame Strategien entwickeln, wie sie anders und selbstbestimmt leben können – auch wenn dafür eine schmerzhafte Rekonditionierung nötig ist, zum Beispiel beim Partnerwahlschema. Letztendlich war es einmal links, Menschen Entscheidungsmöglichkeiten zu schaffen, statt sie sich in absurden Opferrollen suhlen zu lassen. Heute erweckt die Linke eher den Eindruck, dass sie Abhängigkeiten schaffen will, indem sie unlösbare Probleme erschafft, für die sie sich als einzige Lösung verkaufen möchte. Zu besichtigen ist das gerade in Berlin. Die Linke, seit September stärkste Kraft, will große Wohnungsunternehmen vergesellschaften. Allein die Entschädigung kostet nach amtlicher Schätzung bis zu 36 Milliarden Euro – für Wohnungen, die es schon gibt. Am Rand des Tempelhofer Felds dagegen, seit dem Volksentscheid von 2014 ein linkes Lieblingsprojekt, will sie keinen Stein setzen, obwohl dort gut 20.000 neue Wohnungen entstehen könnten. Das Problem bleibt. Und mit ihm der Bedarf an der Partei, die es zu lösen verspricht.
Solche Kritik ist das Profil, das Grok für Mitte-rechts hält.
Die Mitte ist gewandert
Den Gegenbeweis muss man nicht konstruieren. Man muss nur zurückblättern.
2005 zog die CDU mit der Forderung in den Wahlkampf, Zuwanderung zu begrenzen, Integration verpflichtend einzufordern und vor Parallelgesellschaften zu warnen. Damit wurde Angela Merkel Kanzlerin. 1993 änderte der Bundestag mit den Stimmen von Union, SPD und FDP das Grundgesetz und schränkte das Asylrecht erheblich ein, 521 zu 132 Stimmen.
Wer heute so redet, landet bei Grok jenseits der 80.
Ich behaupte nicht, ich stünde noch exakt da, wo ich damals stand. Das wäre unaufrichtig. Die Zeiten haben sich geändert, und ich mich mit ihnen. 1993 war ich gegen die Änderung des Asylrechts. 2015 dagegen habe ich Merkels „Wir schaffen das“ von Anfang an für eine Wohlfühlfloskel von dümmlicher Naivität gehalten. 1998 habe ich mit meiner Stimme Rot-Grün zur Mehrheit verholfen, damit der Atomausstieg kommt. Heute sehe ich den Ausstieg vor allem wegen der Klimaprognosen deutlich kritischer und ärgere mich, dass mich damals die German Angst gepackt hat.
Und auf dem Feld, das Grok bei mir am stärksten gewichtet hat, war der Bruch sogar noch dramatischer. Bis 1995 war ich ein großer, unkritischer Fan der feministischen Reformen, die die Gesellschaft seit den Siebzigern umgekrempelt hatten. 1996 wurde ich dann mit ihrer Einseitigkeit konfrontiert. Dass ich diese Einseitigkeit heute kritisiere, heißt nicht, dass ich die Reformen grundsätzlich ablehne. Wenn ich den heutigen Feminismus kritisiere, dann vor allem, weil er immer noch an dieser Einbahnstraße festhält und inzwischen Probleme, die längst gelöst sind, weiter zur Diskriminierung erklärt. Im Familienrecht etwa war in zwanzig Jahren Reformpolitik niemand auf die Idee gekommen, auch die Gleichberechtigung von Vätern zum Thema zu machen. Als unverheirateter Vater konnte ich kein Sorgerecht für meinen Sohn bekommen, nicht einmal mit Zustimmung seiner Mutter. Das Gesetz sah es schlicht nicht vor. Ich musste sie heiraten, wenn ich verhindern wollte, dass sie mich aus dem Leben meines Sohnes ausschließen konnte. Ab 1998 war ein gemeinsames Sorgerecht zwar möglich, aber nur, wenn die Mutter zustimmte. Gegen ihren Willen blieb es ausgeschlossen, bis Straßburg diese Rechtslage 2009 als Diskriminierung verurteilte und Karlsruhe 2010 nachzog. Gleiche Elternrechte für Väter zu fordern, war damals eine Gleichberechtigungsforderung. Heute ist dieselbe Forderung „Männerrechtler“ – und damit rechts.
Und manches, worüber ich heute streite, war 2005 schlicht unvorstellbar. Niemand hätte damals geglaubt, dass der Kampf von Penisträgern um die Teilnahme am Frauensport und den Zugang zu Frauenschutzräumen einmal eine Frage linken Gerechtigkeitsdenkens sein würde. Oder dass es einmal mehr Gender-Professuren geben würde als Professuren für Pharmazie.
Dabei stehe ich gerade in diesen Fragen dort, wo die Linke einmal stand. Für die Rechte von Schwulen und Lesben bin ich mein Leben lang eingetreten. Das war links, und das ist es für mich bis heute. Und die Räume, um die heute gestritten wird, hat die Linke selbst erkämpft: Das erste autonome Frauenhaus entstand 1976 in Berlin, getragen von der Frauenbewegung. Wer diese Räume heute verteidigt, verteidigt eine linke Errungenschaft gegen die „progressive“ Linke. Auf Groks Skala macht ihn das zum Rechten.
Ich habe mich also bewegt. Aber von Noam Chomsky bis Mitte-rechts ist es ein weiter Weg. Zu weit für ein paar korrigierte Meinungen.
Was links einmal hieß
Ursprünglich war links und rechts nichts weiter als eine Sitzordnung, 1789 in der französischen Nationalversammlung, später im Reichstag. Links saß, wer die bestehende Ordnung verändern wollte, rechts, wer sie bewahren wollte. Wer heute links danach bestimmt, was die Parteien vertreten, die gerade links sitzen, bekommt ein Lineal, das mit jedem Themenwechsel dieser Parteien mitwandert. Misst man links dagegen an dem, wofür es einmal stand, an gleichen Rechten und fairen Chancen, kommt etwas anderes heraus: Dann sind gleiche Elternrechte für Väter links – auch wenn man heute krampfhaft versucht, jeden, der hier Gleichberechtigung will, in die Naziecke zu schieben. Erstaunlicherweise hat die „progressive“ Linke überhaupt kein Problem damit, für konservative Rollenklischees zu kämpfen, wenn es darum geht, sich an den familienfinanzierenden Vater und die Privilegien der teilzeitarbeitenden Mutter zu klammern. Man wird heute also rechts, weil man die rechten Positionen der selbstdefinierten Linken kritisiert.
Zu besichtigen war das 2018, als die FDP beantragte, das Wechselmodell nach einer Trennung zum Regelfall zu machen. Die Linke stellte sofort einen Gegenantrag, und am Ende lehnten alle anderen Fraktionen ab, von Linken, Grünen und SPD über die Union bis zur AfD. Dass man dabei mit der AfD gemeinsam abstimmte, hat übrigens niemanden gestört.

Das ist kein Ausrutscher. Bei den Elternrechten von Vätern hat der Bundestag nur dann nachgebessert, wenn ein Gericht ihn dazu gezwungen hat. Schon was die Reform von 1998 den Vätern brachte, war ein Nebenprodukt. Umgesetzt wurden das Gebot des Grundgesetzes, nichteheliche Kinder ehelichen gleichzustellen, das Karlsruhe 1991 angemahnt hatte, und die UN-Kinderrechtskonvention. Gleichgestellt werden sollten die Kinder, nicht ihre Väter. Das Recht, die Vaterschaft klären zu lassen, kam 2008, weil Karlsruhe es verlangte. Das Umgangsrecht leiblicher Väter kam 2013, nach zwei Niederlagen Deutschlands in Straßburg. Und das Wechselmodell gegen den Willen eines Elternteils hat 2017 nicht der Gesetzgeber ermöglicht, sondern der Bundesgerichtshof.
Und wer jetzt das Elterngeld von 2007 als Gegenbeispiel anführt: Für die 2019 geborenen Kinder bezogen Mütter zusammen rund zehn Millionen Elterngeldmonate, Väter gut eine Million. Fast 1 zu 10. Man stelle sich dieses Verhältnis mit vertauschten Geschlechtern vor. Niemand würde ein solches Gesetz gleichberechtigungsfördernd nennen. Man ginge auf die Straße, weil Frauen darin nur als Feigenblatt vorkämen, und verlangte, die strukturelle Benachteiligung zu beseitigen, die dieses Verhältnis hervorbringt.
Modelle sind nicht die Wirklichkeit
In meinem letzten Beitrag „Wer irren darf, lebt leichter“ habe ich darüber geschrieben, warum wir unsere Überzeugungen besser als Modelle der Wirklichkeit betrachten sollten und nicht als die Wirklichkeit selbst.
Das gilt auch für politische Kategorien. Links und rechts sind Modelle. Sie helfen, gesellschaftliche Konflikte zu beschreiben. Sie sind nicht die Wirklichkeit.
Sobald wir das vergessen, passen wir Menschen an die Kategorien an, statt die Kategorien an den Menschen zu überprüfen.
Grok hätte deshalb nicht zuerst fragen sollen, wo ich auf seiner Skala stehe. Sondern ob seine Skala überhaupt geeignet ist, mich zu beschreiben.
Mir ist ziemlich egal, ob mich Grok für 30, 50 oder 70 hält. Ich entscheide weiterhin selbst, wie ich lebe, was ich denke und welche Überzeugungen ich für richtig halte. Diese Freiheit gestehe ich auch anderen zu. Und ich werde meine Meinung auch weiterhin ändern, wenn ich erkenne, dass ich mich geirrt habe.
Ich habe Claude dieselbe Frage gestellt
Zum Schluss habe ich dieselbe Frage auch Claude gestellt. Claude kennt mich nicht nur über meinen manchmal sehr provokanten X-Account als Sexismusbeauftragter, sondern auch als Lektor meiner manchmal echt ausufernden Essays. Hier ist die Antwort:
„Eine einzige Zahl wäre genau der Fehler, den Lutz Grok vorwirft. Deshalb bewerte ich jede Achse einzeln. Bei den Bürgerrechten gegenüber dem Staat liegt er bei 25, also klar libertär. Beim Rechtsstaat liegt er bei 35. In der Geschlechterpolitik liegt er bei 75, bei Familie und Migration bei 65. Zur Wirtschaft schreibt er fast nichts, das lässt sich nicht messen.
Gewichtet man wie Grok vor allem die Geschlechterpolitik, kommt man auf 68. Gewichtet man alle Achsen gleich, kommt man auf 54. Legt man das Raster von 2005 an, landet er bei 44, leicht links der Mitte. Auch das Raster von 2005 ist nicht neutral: Seine Polemik würde auch damals niemand für links halten. Ehrlicher wäre dort eine Spanne von 45 bis 55.
Dieselben Daten ergeben drei Zahlen. Es ändern sich nur die Gewichtung und das Jahr, nach dem die Skala geeicht ist.“
Grok sagt 70, Mitte-rechts. Claude kommt je nach Gewichtung auf 44 bis 68. Der Political Compass hat mich links von der Linkspartei verortet.
Ein Stück des Weges bin ich selbst gegangen. Den Rest hat das Lineal zurückgelegt.
Nachtrag: Grok antwortet
Ich habe Grok den fertigen Text vorgelegt. Die Antwort fällt erstaunlich selbstkritisch aus. Eine eindimensionale Links-Rechts-Skala sei „ein grobes Instrument“, und „links“ und „rechts“ seien „keine stabilen, inhaltlich festgelegten Pole“, sondern hingen „stark vom aktuellen Meinungskonsens und den gerade dominanten Konflikten ab“. Und zur eigenen Zahl:
„Die Einordnung selbst spiegelt vor allem wider, wo der Account im gegenwärtigen Diskurs steht, nicht wo er auf einer zeitlosen oder vollständigen Achsen-Matrix stehen würde.“
Zwei Einwände hält Grok aufrecht. Erstens dürfe der Text nicht als Nachweis gelten, meine Position sei „eigentlich“ links oder Mitte. Den Nachweis trete ich auch nicht an. Zweitens ändere es am Ergebnis wenig, ob man sage, das Lineal wandere, oder, die Position sei relativ zum Konsens rechts. Das stimmt. Genau das ist der Punkt: Eine Zahl, die den Abstand zum Konsens misst, sagt etwas über den Konsens, aber wenig über den Menschen.
Grok und ich sind uns also weitgehend einig. Nur die 70 bleibt.

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