(In Anlehnung an: How to Lie with Statistics von Darrell Huff)

In der öffentlichen Debatte über Kindesunterhalt wird häufig die Zahl von rund 700.000 Fällen von Unterhaltsvorschusszahlungen im Jahr 2019 genannt. Diese Zahl wird gerne als Beleg dafür genommen, dass Väter sich massenhaft ihrer Verantwortung entziehen. Ein scheinbar eindeutiger Beweis für eine gesellschaftliche Schieflage – oder?

Doch ein genauerer Blick zeigt: Die Zahl erzählt nur einen Teil der Wahrheit. Laut Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage im Bundestag bezogen im Jahr 2019 tatsächlich rund 700.000 Kinder Unterhaltsvorschuss. Im selben Jahr jedoch wurden nur rund 3.800 Verfahren nach § 170 StGB (Verletzung der Unterhaltspflicht) eingeleitet – also weniger als 0,5 % der Fälle. (Quelle – Bundestagsdrucksache 19/19006)

Wie kann das sein?

Wie Darrell Huff in seinem Klassiker „How to Lie with Statistics“ zeigt, können Zahlen ohne Kontext mehr verschleiern als erklären. Der Unterhaltsvorschuss wird vom Staat nicht nur dann gezahlt, wenn ein Elternteil sich absichtlich der Zahlung entzieht. Viel häufiger greift die Vorschussregelung aus ganz anderen Gründen:

  • Unzureichende Leistungsfähigkeit: Viele unterhaltspflichtige Eltern – meist Väter – haben schlicht nicht genug Einkommen, um Unterhalt zu zahlen. Laut Bundesfamilienministerium liegt die Rückholquote bei nur etwa 17 %, was darauf hindeutet, dass in der Mehrzahl der Fälle keine ausreichenden Mittel beim Pflichtigen vorhanden sind. (Quelle – BMFSFJ, UVG-Statistik 2019)
  • Verzicht auf Unterhaltsforderungen: In manchen Fällen beantragt die betreuende Mutter gar keinen Unterhalt, insbesondere wenn sie Bürgergeld empfängt. Der zu zahlende Betrag würde ohnehin auf die staatlichen Leistungen angerechnet, ohne dass das Kind real mehr zur Verfügung hätte. Gleichzeitig würde ein offizieller Zahlungsfluss dem Vater Tür und Tor öffnen, wieder Teil des Lebens seiner Kinder zu werden – was nicht immer gewünscht ist.

Diese Faktoren führen dazu, dass die Zahl der tatsächlichen „Unterhaltspreller“ deutlich geringer ist als oft angenommen. Die pauschale Annahme, dass Hunderttausende von Vätern sich absichtlich ihrer Unterhaltspflicht entziehen, wird der komplexen Realität nicht gerecht – und erweckt zugleich den ungerechtfertigten Eindruck, Unterhaltsverweigerung sei in Deutschland ein Kavaliersdelikt oder gar straflos möglich.

Doch das ist mitnichten der Fall – zumindest nicht für Menschen mit sozialversicherungspflichtigem Einkommen. Wer leistungsfähig ist, wird in der Regel auch herangezogen. Und selbst wer sich absichtlich „arm rechnet“ oder willentlich unterhalb seiner Möglichkeiten bleibt, kann durch die sogenannte gesteigerte Erwerbsobliegenheit zur Zahlung herangezogen werden. Dabei wird ein fiktives Einkommen angesetzt, das dem entspricht, was jemand mit zumutbarer Anstrengung bei bis zu 56 Stunden Arbeit pro Woche erzielen könnte – und dieses kann selbst dann zu Pfändungen unterhalb des eigentlichen Pfändungsfreibetrags führen.

Ein differenzierter Blick auf die Zahlen und Hintergründe ist unerlässlich, um gerechte und effektive Lösungen im Sinne der betroffenen Kinder und Eltern zu finden. Und um zu verhindern, dass Zahlen zur moralischen Keule werden – statt zur Basis für echten Dialog.

Eine Antwort zu „Wie man mit Zahlen lügt – oder warum 700.000 ‚Unterhaltspreller‘ ein Mythos sind“

  1. Avatar von Krieg: Entschädigung für Privilegien – nicht schuldig

    […] deshalb Lotto spielen, weil sie nie wieder arbeiten wollen. Gleichzeitig werden für Männer die Daumenschrauben massiv angezogen, werden in die Plackerei gepresst, damit sie ihre „Pflicht“ erfüllen, […]

    Like

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