KI-Podcast zum Thema

Lindsay Clancy und die Frage, wem wir Verantwortung zutrauen

Drei Kinder sind tot.

Ihre Mutter Lindsay Clancy bestreitet nicht, sie getötet zu haben. Vor Gericht wird derzeit darüber gestritten, ob sie aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung überhaupt strafrechtlich verantwortlich war.

Die Verteidigung argumentiert mit postpartaler Psychose. Die Staatsanwaltschaft hält dagegen und versucht nachzuweisen, dass Clancy wusste, was sie tat, und planvoll vorging.

Darüber wird eine Jury entscheiden müssen.

Doch gesellschaftlich ist längst etwas anderes passiert.

Am 20. August 2026 versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude in Plymouth, Massachusetts, rund 300 Menschen – überwiegend Frauen, viele von ihnen in Pink. Auf ihren T-Shirts standen Botschaften wie „She Needed Help“, „Peace For Lindsay“, „Believe“.

Die Demonstrierenden wollten auf postpartale Erkrankungen und ein ihrer Ansicht nach versagendes Gesundheitssystem aufmerksam machen.

Postpartale Psychosen existieren. Sie können schwerste Realitätsverluste verursachen. Ein Gesundheitssystem kann Warnzeichen übersehen. Ärzte können Fehler machen. Menschen können in psychischen Ausnahmezuständen Dinge tun, die sie bei klarem Bewusstsein niemals getan hätten.

An anderer Stelle habe ich einmal geschrieben, wir bräuchten einen Rechtsstaat, der auch den Menschen sieht, für den niemand eine Kerze anzündet. Vor dem Gericht in Plymouth brennen Hunderte Kerzen. Sie brennen für die Mutter. Für Cora, Dawson und Callan brennt keine.

Mich beschäftigt außerdem eine andere Frage: Wo ist eigentlich das männliche Gegenstück zu Lindsay Clancy?

Wo sind die Menschen vor dem Gerichtsgebäude, wenn ein Vater in einer schweren psychischen Krise nach einer Trennung zu extremen Mitteln greift, seine Kinder oder deren Mutter tötet und seinen anschließenden Suizidversuch überlebt?

Wo sind die T-Shirts mit „He Needed Help“?

Wo sind die Demonstrationen, bei denen gefragt wird:

Was hat diese Trennung mit ihm gemacht?

Was bedeutete der drohende Verlust seiner Kinder?

Welche Rolle spielten finanzielle Existenzängste?

Welche Rolle spielte Einsamkeit?

Welche Hilfe hat dieser Mann gesucht, welche hat er bekommen?

Wo hat vielleicht das Familienrecht versagt, wo das Gesundheitssystem, wo sein soziales Umfeld?

Wenn ein Vater seine Kinder und sich selbst tötet, haben wir für die Tat sogar ein Wort bereit: „erweiterter Suizid“. Man höre genau hin. Das grammatische Subjekt ist der Suizid – seine Selbsttötung. Die Kinder sind die „Erweiterung“, ein Anhängsel. Die Tat wird von seinem Leiden her erzählt. Auch das ist eine Entlastung – nur eine klinische, distanzierte, keine, für die jemand in Pink vor dem Gericht steht.

Vielleicht gibt es solche Fälle mit Unterstützern. Aber welcher fällt Ihnen spontan ein?

Es geht nicht darum, einen Vater zu entschuldigen, der seine Kinder oder deren Mutter tötet. Wer einen anderen Menschen tötet, wird nicht dadurch moralisch reingewaschen, dass man seine Vorgeschichte erzählt.

Aber genau deshalb ist die Gegenfrage so interessant: Warum beherrschen wir die Unterscheidung zwischen Erklären und Entschuldigen bei einer Frau offenbar wesentlich besser?

Bei ihr können wir gleichzeitig sagen: Sie hat etwas Entsetzliches getan. Und: Wir müssen verstehen, wie ein Mensch an diesen Punkt gelangt. Beim Mann scheint die zweite Frage viel schneller den Verdacht auszulösen, man wolle die erste relativieren.

Stellen wir uns Andreas Lubitz als Frau vor

Am 24. März 2015 steuerte der Germanwings-Copilot Andreas Lubitz Flug 4U9525 bewusst in die französischen Alpen. 150 Menschen starben.

Die Untersuchungen ergaben eine erhebliche psychiatrische Vorgeschichte. Lubitz hatte Jahre zuvor eine schwere depressive Episode erlebt; Ende 2014 waren erneut erhebliche psychische Probleme aufgetreten. Die französische Untersuchungsbehörde hielt aufgrund der medizinischen Dokumentation eine psychotisch-depressive Episode für möglich.

Zeitgenössisch wurde außerdem über eine Beziehungskrise spekuliert. Ob sie tatsächlich Bedeutung für die Tat hatte, wurde jedoch nie belastbar als Motiv festgestellt. Es geht deshalb auch nicht darum, Lubitz nachträglich ein Motiv anzudichten.

Die interessantere Frage lautet: Was wäre gewesen, wenn Andreas Lubitz eine Frau gewesen wäre?

Eine Pilotin mit psychiatrischer Vorgeschichte, beruflichem Druck, möglicherweise persönlichen Krisen und Angst um ihre fliegerische Karriere setzt eine Passagiermaschine mit 149 anderen Menschen in einen Berg.

Hätten wir ausschließlich über ihre individuelle Schuld gesprochen? Oder hätten wir zusätzlich diskutiert, ob die Arbeitsbedingungen für Pilotinnen zu belastend sind? Ob Frauen im Cockpit unter besonderem Leistungsdruck stehen? Ob psychische Erkrankungen bei Pilotinnen nicht ausreichend erkannt werden? Ob das medizinische Kontrollsystem versagt hat? Ob die Luftfahrtbranche ein strukturelles Problem besitzt?

Ich weiß es nicht.

Niemand weiß es.

Genau deshalb ist es ein Gedankenexperiment. Aber vielleicht verrät bereits unsere spontane Antwort etwas darüber, welche Erklärungen wir bei Männern und Frauen intuitiv für plausibel halten.

Männer sind Akteure. Frauen haben Umstände.

Dahinter könnte ein erstaunlich traditionelles Geschlechterbild stehen. Wir schreiben Männern stärker Agency zu – also Handlungsmacht. Männer tun Dinge. Sie treffen Entscheidungen. Sie verursachen Konsequenzen. Sie tragen Verantwortung.

Das klingt zunächst geradezu privilegiert. Doch dieselbe Logik funktioniert auch beim Scheitern. Wenn ein Mann abstürzt, fragen wir: Was stimmt mit ihm nicht?

Bei Frauen lautet die Frage häufiger: Was ist ihr passiert? Welche Belastung hat sie dazu gebracht? Wer hat sie im Stich gelassen? Welche gesellschaftlichen Erwartungen haben sie überfordert? Welches System hätte sie schützen müssen?

Man könnte es zugespitzt so formulieren: Männer werden moralisiert. Frauen werden medizinisiert oder sozialisiert. Der männliche Täter wird über seinen Charakter erklärt, die weibliche Täterin häufiger über ihre Umstände.

Das klingt für Frauen zunächst nach einem Vorteil. Aber vielleicht ist es zugleich eine der subtilsten Formen, Frauen Handlungsmacht abzusprechen.

Der Unterschied lässt sich sogar bei Filiziden messen

Dass diese Frage nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Anna Johnson und Myrna Dawson im Fachjournal Child Abuse & Neglect. Sie werteten 298 Fälle aus, in denen Eltern zwischen 1985 und 2018 in Ontario ihre Kinder getötet hatten.

Das Ergebnis, und zwar unter Kontrolle verschiedener Einflussgrößen: Mütter wurden seltener verurteilt, seltener wegen Mordes verurteilt, erhielten seltener eine Gefängnisstrafe und im Durchschnitt kürzere Haftstrafen als Väter.

Eine kanadische Studie beweist nicht, dass Gerichte überall so entscheiden; Taten, Motive, psychiatrische Diagnosen und Konstellationen unterscheiden sich. Aber die Autorinnen diskutieren selbst einen Zusammenhang mit sozialen Rollenbildern und Medikalisierung.

Mit anderen Worten: Die Frage, ob wir mütterliche Täter anders wahrnehmen als väterliche, ist keine Männerrechtsfantasie. Sie ist eine legitime wissenschaftliche Frage.

Das Muster beginnt lange vor Mord und Totschlag

Man muss gar nicht bei extremen Verbrechen bleiben. Auch die Forschung zu Partnerschaftsgewalt zeichnet seit Jahren ein komplizierteres Bild als die einfache Erzählung „Mann schlägt Frau“.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Andreia Machado, Catarina Sousa und Olga Cunha (Trauma, Violence & Abuse, 2024), die 42 Studien einbezog, kam zu dem Ergebnis, dass bidirektionale Gewalt – Gewalt, die von beiden Partnern ausgeht – das häufigste Muster war. Männer und Frauen berichteten sie zu vergleichbaren Raten.

Eine große amerikanische Untersuchung hatte das bereits zuvor gezeigt: Daniel Whitaker und Kollegen von der US-Gesundheitsbehörde CDC werteten 2007 im American Journal of Public Health Daten von über 11.000 jungen Erwachsenen aus. In knapp der Hälfte der gewalttätigen Beziehungen war die Gewalt wechselseitig. Unter den Fällen ausschließlich einseitiger Gewalt ging sie sogar in über 70 Prozent von Frauen aus.

Gleichzeitig zeigte dieselbe Untersuchung den entscheidenden Unterschied: Männliche Gewalt verursachte häufiger Verletzungen. Und wechselseitige Gewalt war besonders gefährlich.

Beides kann gleichzeitig wahr sein. Frauen können körperliche Gewalt ausüben. Partnerschaftsgewalt kann wechselseitig sein. Und aufgrund durchschnittlicher körperlicher Unterschiede können Schläge eines Mannes für eine Frau häufiger schwere Folgen haben.

Der Soziologe Michael Johnson hat dafür die brauchbare Unterscheidung geliefert: Die situative Paargewalt des Alltags ist weitgehend symmetrisch; die systematische, auf Kontrolle zielende Form – „intimate terrorism“ – geht deutlich häufiger von Männern aus. Beide Hälften gehören zur Wahrheit, nicht nur eine.

Dass wir auf die schwereren Folgen besonders reagieren, ist nachvollziehbar. Problematisch wird es erst, wenn daraus unbewusst eine moralische Rollenverteilung entsteht: Wenn er gewalttätig wird, fragen wir, warum er gewalttätig ist. Wenn sie gewalttätig wird, fragen wir, was er getan hat, damit sie so reagiert.

Diese Intuition wird in diversen bekannten Social-Experiment-Videos sichtbar, in denen Passanten unterschiedlich auf aggressive Männer und aggressive Frauen reagieren. Solche Videos sind keine Studien. Aber sie illustrieren eine gesellschaftliche Intuition, die eine Untersuchung wert ist: Vielleicht fällt es uns schwerer, einen Mann ausschließlich als Opfer einer Frau wahrzunehmen. Weil wir selbst dann noch Handlungsmacht bei ihm vermuten.

Er hätte gehen können.

Er hätte sich wehren können.

Er wird sie schon provoziert haben.

Selbst beim Opfer bleibt der Mann auf merkwürdige Weise verantwortlich.

Was muss eine Frau tun, um ihren Opferstatus zu verlieren?

Damit kommen wir zu einer unangenehmeren Frage. Nicht jede Frau besitzt gesellschaftlich automatisch einen Opferstatus. Aber wenn dieser Status einmal etabliert wurde, scheint er erstaunlich widerstandsfähig zu sein.

Wie widerstandsfähig?

Gina-Lisa Lohfink

Gina-Lisa Lohfink wurde zu einem Symbol der Debatte über sexuelle Gewalt. Unter #TeamGinaLisa solidarisierten sich Unterstützer mit ihr.

Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte sie später wegen falscher Verdächtigung; die Verurteilung wurde 2017 rechtskräftig. Beim ursprünglichen Urteil hatte es Buhrufe aus dem Publikum gegeben.

Das bedeutet nicht, dass jede politische Forderung, die damals mit ihrem Fall verbunden wurde, falsch gewesen wäre. Es zeigt etwas anderes: Ein gesellschaftliches Opfernarrativ verschwindet nicht zwangsläufig in dem Moment, in dem eine gerichtliche Entscheidung ihm widerspricht.

Claudia Dinkel

Noch deutlicher wird das im Fall Jörg Kachelmann. Kachelmann wurde im Strafprozess vom Vergewaltigungsvorwurf freigesprochen – „aus Mangel an Beweisen“. Das allein bewies keine Falschbeschuldigung; das Landgericht Mannheim erklärte sogar ausdrücklich, es sei nicht von seiner Unschuld überzeugt.

Jahre später kam ein Zivilsenat des Oberlandesgerichts Frankfurt nach eigener Beweisaufnahme zu einem weitergehenden Ergebnis: Dinkel habe Kachelmann wissentlich falsch beschuldigt und mit direktem Vorsatz seine Verhaftung herbeiführen wollen. Sie musste einen Teil der Gutachterkosten ersetzen.

Das klingt nach einem Schlusspunkt. Ist es aber nicht. Das Bundesverfassungsgericht hielt später fest, was in jener Nacht geschah, sei nicht aufklärbar; beide Versionen seien als Meinung zu behandeln. Ein Landgericht ließ Alice Schwarzers Artikel stehen, in dem sie genau daran festhielt. Ein Zivilsenat stellt für einen Kostenstreit eine vorsätzliche Falschbeschuldigung fest – die Verfassungsrichter nennen dieselbe Nacht unaufklärbar. Man hat hier nicht ein Urteil, das die Sache klärt, sondern mehrere, die sich widersprechen.

Und jetzt wird es interessant. Schwarzers eigenes Argument lautet: Wenn Kachelmann die Unschuldsvermutung zusteht, dann steht sie auch Dinkel zu – vielleicht hat sie gelogen, vielleicht die Wahrheit gesagt, entschieden ist es nicht.

Auf diesem Punkt hat sie recht. Es ist exakt die Logik, die ich gegen jede Vorverurteilung verteidige, und sie gilt nicht nur, wenn sie mir gerade passt. Wer Horst Arnold die Unschuldsvermutung zubilligt, muss sie Claudia Dinkel ebenso zubilligen.

Nur: Das ist nicht das Argument, an dem der Opferstatus wirklich hängt. Der eigentliche Mechanismus steht daneben, und er stammt nicht von Schwarzer persönlich, sondern aus der EMMA-Redaktion und von Dinkel selbst. Dort wird das Urteil, das dem Opferstatus widerspricht, zur „Katastrophe für alle tatsächlichen Opfer“ erklärt; Dinkel sieht darin den Versuch, „ein Exempel zu statuieren, um Frauen einzuschüchtern“.

Und genau da verwandelt sich eine gerichtliche Niederlage in ihr Gegenteil. Nicht in einen Gegenbeweis – in eine Bestätigung. Auf dieses Muster komme ich zurück.

Amber Heard

Auch Amber Heard ist komplizierter, als beide Internetlager behaupten. Sie wurde nicht strafrechtlich verurteilt. Im amerikanischen Zivilprozess kam die Jury jedoch zu dem Ergebnis, dass bestimmte Aussagen Heards über Johnny Depp verleumderisch waren. Gleichzeitig erhielt Heard selbst Schadenersatz wegen einer Äußerung von Depps damaligem Anwalt.

Also gerade kein Fall für simple Schwarz-Weiß-Erzählungen. Interessant für unsere Frage ist etwas anderes: Monate nach dem Urteil, im November 2022, veröffentlichten mehr als 130 Organisationen und prominente Unterstützer einen offenen Brief zugunsten Heards. Darin wurde ihre öffentliche Behandlung ausdrücklich in den größeren Kontext von Frauen, häuslicher Gewalt und dem Umgang mit mutmaßlichen Opfern gestellt – mit dem Argument, ein solcher Fall schrecke andere Frauen vom Anzeigen ab.

Auch hier überlebte das Opfer-Narrativ also, zumindest bei einem erheblichen Teil ihrer Unterstützer, eine gerichtliche Niederlage.

Und dann ist da Heidi K.

Vielleicht ist der Fall Horst Arnold die äußerste Grenze dieses Gedankenexperiments. Arnold wurde aufgrund der Aussage seiner Kollegin Heidi K. wegen Vergewaltigung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Er verbüßte die gesamte Strafe. Er verlor praktisch seine Existenz.

Erst Jahre später wurde das Verfahren wiederaufgenommen. Das Landgericht Kassel sprach ihn wegen erwiesener Unschuld frei. Heidi K. wurde anschließend selbst wegen schwerer Freiheitsberaubung in mittelbarer Täterschaft zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt; der Bundesgerichtshof verwarf ihre Revision.

Man muss sich diese Eskalation vor Augen führen. Ein Mann sitzt fünf Jahre unschuldig im Gefängnis. Das Wiederaufnahmegericht stellt seine Unschuld fest. Die Frau, deren Anschuldigung ihn dorthin gebracht hat, wird anschließend selbst zu fünfeinhalb Jahren verurteilt.

Wenn wir fragen, was eine Frau eigentlich tun muss, damit ein ihr einmal zugeschriebener Opferstatus endgültig verschwindet – dann ist Heidi K. die groteske Grenzmarkierung. Offenbar reicht irgendwann tatsächlich nicht mehr die richtige Geschichte. Dann braucht es Gerichte, ein Wiederaufnahmeverfahren, eine rechtskräftige Verurteilung und fünfeinhalb Jahre Gefängnis.

Und selbst dann kann die gesellschaftliche Versuchung bestehen bleiben, wieder zuerst nach einer Geschichte zu suchen, in der auch die Täterin irgendwie noch Opfer ihrer Umstände ist.

Ein nahezu selbstimmunisierendes Narrativ

Genau hier liegt das eigentliche Problem. Denn ein Opfernarrativ kann irgendwann so konstruiert werden, dass es praktisch nicht mehr widerlegbar ist.

Glaubt das Gericht der Frau: Das System hat funktioniert.

Glaubt das Gericht ihr nicht: Das zeigt, wie wenig unser System Frauen glaubt.

Wird sie freigesprochen: Sie war unschuldig.

Wird sie verurteilt: Das Urteil zeigt, wie schlecht unsere Gesellschaft mit weiblichen Opfern umgeht.

Das ist kein rechtsstaatliches Prinzip mehr. Das ist ein geschlossenes Weltbild.

Und deshalb ist die eigentliche Frage auch nicht: Warum haben wir so viel Mitgefühl mit Frauen? Die interessantere Frage lautet: Warum gewähren wir Männern so wenig von demselben Mitgefühl?

Erklären ist keine Entschuldigung

Vielleicht wäre die Lösung nämlich überhaupt nicht, Frauen härter zu behandeln. Vielleicht behandeln wir Männer zu hart.

Ein Vater, dessen Ehe zerbricht, dessen wirtschaftliche Existenz bedroht ist, der seine Kinder kaum noch sieht und psychisch zusammenbricht, verdient Hilfe. Auch wenn er ein Mann ist.

Und wenn dieser Mann anschließend eine entsetzliche Straftat begeht, dürfen wir trotzdem untersuchen, welche Faktoren zu seinem Zusammenbruch beigetragen haben. Ohne seine Tat zu entschuldigen.

Denn genau das schaffen wir bei Lindsay Clancy doch auch. Wir können sagen: Drei Kinder sind tot. Ihre Mutter hat sie getötet. Und trotzdem müssen Psychiater, Gerichte und Gesellschaft verstehen, welche Rolle ihre Erkrankung gespielt hat.

Warum sollte dieselbe intellektuelle Fähigkeit beim männlichen Täter plötzlich verschwinden?

Vielleicht hat unsere Vorstellung von Verantwortung noch ganz andere Folgen

Und damit kommen wir zu einer zunächst vollkommen anderen Debatte. Frauen stellen auch heute in deutschen Unternehmensvorständen weiterhin eine deutliche Minderheit.

Über die Ursachen kann man lange diskutieren: Familienplanung, Berufswahl, Arbeitszeiten, Netzwerke, Partnerwahl, Diskriminierung, Prioritäten, Risikobereitschaft. Wahrscheinlich spielen viele Faktoren gleichzeitig eine Rolle. Aber vielleicht gehört noch einer dazu, über den wir erstaunlich wenig sprechen.

Verantwortung muss einem Menschen auch gesellschaftlich zugetraut werden. Wer ein Unternehmen führt, kann nicht bei jeder Fehlentscheidung erklären, welche Umstände ihn dazu gebracht haben. Ein Vorstand wird gerade dafür bezahlt, unter schlechten Umständen gute Entscheidungen zu treffen. Wenn es funktioniert, bekommt er Anerkennung. Wenn es nicht funktioniert, trägt er Verantwortung.

Vielleicht trainieren wir Männer auf genau dieses Verständnis von Verantwortung seit ihrer Kindheit. Nicht besonders freundlich. Nicht immer gesund. Aber konsequent.

Du hast ein Problem? Löse es.

Du bist gescheitert? Steh wieder auf.

Du hast Mist gebaut? Übernimm die Verantwortung.

Vielleicht produziert dieses Denken zwei vollkommen unterschiedliche Ergebnisse. Den Mann, der sich durch Rückschläge bis in einen Vorstand kämpft. Und den Mann, der nach einem persönlichen Zusammenbruch vollkommen allein dasteht, weil niemand auf die Idee kommt zu fragen, ob vielleicht auch seine Umstände eine Rolle gespielt haben.

Bei Frauen tun wir womöglich das Gegenteil. Aus Empathie fragen wir stärker nach Strukturen, Umständen und Benachteiligungen. Das ist häufig notwendig. Aber vielleicht hat auch diese Haltung einen Preis.

Denn wenn wir beim Scheitern einer Frau reflexartig nach jemand anderem suchen, der verantwortlich sein könnte, senden wir gleichzeitig eine merkwürdige Botschaft: Wir trauen ihr die volle Verantwortung für ihr eigenes Handeln nicht zu.

Und dann sollten wir uns vielleicht nicht wundern, wenn gesellschaftliche Vorstellungen von Führung ebenfalls noch mit Geschlecht verbunden sind. Nicht weil Frauen keine Verantwortung übernehmen könnten. Sondern weil man ihnen ausgerechnet unter dem Banner des Mitgefühls manchmal weniger davon zutraut.

Gleichberechtigung braucht beides

Die Antwort kann deshalb nicht lauten: Behandeln wir Frauen endlich genauso gnadenlos wie Männer. Sie sollte lauten: Behandeln wir beide wie Erwachsene.

Frauen sind keine willenlosen Produkte ihrer Umwelt. Männer sind keine unverwundbaren Inseln außerhalb ihrer Umwelt. Menschen besitzen Handlungsmacht. Und Menschen können gleichzeitig durch Krankheit, soziale Umstände, Beziehungen und gesellschaftliche Strukturen beeinflusst werden. Das eine hebt das andere nicht auf.

Vielleicht wäre echte Gleichberechtigung erreicht, wenn wir bei einer Täterin selbstverständlich fragen könnten: Warum hat sie das getan – und wofür trägt sie Verantwortung? Und bei einem Täter ebenso selbstverständlich: Wofür trägt er Verantwortung – und was ist ihm vorher passiert?

Gleiche Verantwortung. Gleiche Neugier auf die Ursachen. Gleiche Empathie.

Und vor allem: Kein Geschlecht sollte einen automatischen Anspruch auf die Opferrolle haben.

Nachtrag: Der Halo

Ich habe in diesem Text von einem Reflex gesprochen, der Verantwortung nach Geschlecht verteilt — beim Vater sucht er den Defekt, bei der Mutter das Systemversagen. Dass das keine private Beobachtung ist, sondern ein gemessener Effekt, will ich nicht verschweigen.

Die Sozialpsychologie kennt ihn seit 1994 unter einem beinahe albernen Namen: den „Women-are-wonderful“-Effekt. Alice Eagly und Antonio Mladinic fanden, dass beide Geschlechter Frauen mehr positive Eigenschaften zuschreiben als Männern — Wärme, Empathie, Freundlichkeit — und dass Frauen diesen Bonus gegenüber der eigenen Gruppe noch deutlich stärker vergeben als Männer. Wir halten Frauen, kurz gesagt, für die besseren Menschen.

Man könnte das für ein Relikt halten, das mit der Gleichberechtigung verschwindet. Und tatsächlich schrumpft der Effekt, je gleichberechtigter eine Gesellschaft wird — er ist im Ländervergleich dort am stärksten, wo die Gleichheit am schwächsten ist. Nur ist das kein Ausdruck von Respekt, sondern die Kehrseite eines Podests: Wo Frauen am wenigsten gleichgestellt sind, werden sie am stärksten zu den Wunderbaren, Schützenswerten, moralisch Reineren verklärt. Die Forschung nennt das benevolenten Sexismus — und es ist die feministische Theorie selbst (Glick und Fiske), die dieses Wohlwollen als Stütze eben jener Ordnung beschreibt, die sie sonst Patriarchat nennt. Die Aura für die Frau und die These von der Unterdrückung der Frau sind dieselbe Münze.

Daran hängt eine reizvolle Frage: Wenn der Bonus mit der Gleichheit schwindet — schwindet er vielleicht deshalb, weil sich zeigt, dass Frauen in Machtpositionen keinen Deut umsichtiger, netter oder sympathischer handeln als Männer? Das wäre eine schöne Pointe. Nur tragen die Zahlen sie noch nicht. Was schrumpft, ist die Zuschreibung, nicht der Nachweis eines Verhaltens. Die Frage ist erlaubt; die Antwort steht aus.

Das für diesen Text Entscheidende aber ist eine andere Beobachtung: Der Effekt verschwindet, sobald Menschen nicht „die Frau“, sondern eine konkrete, ihnen bekannte Frau beurteilen sollen. Der Halo hängt an der Kategorie, nicht am Menschen. Und genau das ist der Mechanismus, den dieser Essay beschreibt. Die Menge, die für Lindsay Clancy in Pink zusammenkam, stand nicht für eine Nachbarin, die sie kannte. Sie stand für „die Mutter“ — und die Mutter als Kategorie hat das Wohlwollen schon sicher, bevor irgendjemand nach den Tatsachen gefragt hat.

3 Antworten zu „Frauen werden entschuldigt, Männer beschuldigt“

  1. Avatar von beweis

    Bitte bitte vermischen Sie Ihre echten Inhalte nicht mit KI. Dank.

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  2. Avatar von J Noll
    J Noll

    Ein sehr guter Beitrag.

    Man könnte an dieser Stelle natürlich noch den Bogen zu der generell fehlenden Empathie für Männer schlagen.

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    1. Avatar von Fatherleft

      Dafür habe ich ausreichend Lesefutter auf dem Blog 😃

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