Von Lutz R. Bierend

Meiner passierte Anfang 2000. Mein Sohn war damals gerade vier Jahre alt.

Es war ein völlig gewöhnlicher Tag. Beim Einkaufen bekam er ein Überraschungsei. Wie bei vielen Kindern interessierte ihn die Schokolade allerdings deutlich mehr als das gelbe Plastikei mit dem Spielzeug darin. Also landete das ungeöffnet in meiner Jackentasche – und war wenige Minuten später vergessen.

Abends schlief mein Sohn gegen 19:30 Uhr ein. Danach ging ich mit einem Freund ins Kino. The Sixth Sense war gerade angelaufen.

Wer den Film kennt, erinnert sich wahrscheinlich an die Szene, in der der kleine Junge seiner Mutter erzählt, dass ihre verstorbene Mutter ihr etwas ausrichten lässt. Gerade diese Szene hatte mich ziemlich erwischt.

Als ich aus dem Kino kam, dachte ich noch eine ganze Weile darüber nach. Und dabei auch an meine eigene Oma.

Sie hatte in meiner Kindheit eine besondere Rolle gespielt und mich über weite Teile der Scheidung meiner Mutter betreut. Entsprechend viele Erinnerungen verband ich mit ihr.

Dann kam ich nach Hause.

Und mein Sohn wachte auf.

Das allein war schon ungewöhnlich. Ich bin eigentlich mit ausgesprochen gut durchschlafenden Kindern gesegnet. Natürlich kam es mal vor, dass eines nachts kurz wach wurde – aber normalerweise waren sie nach ein paar Minuten wieder eingeschlafen.

Diesmal nicht.

Mein Sohn war völlig aufgelöst und ließ sich kaum beruhigen.

Und plötzlich sagte er:

„Mein Überraschungsei!“

Ich war einigermaßen perplex.

„Was? Es ist mitten in der Nacht.“

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr, wo dieses Ei überhaupt war. Aber er war nicht davon abzubringen. Er wollte unbedingt jetzt sein Überraschungsei haben.

Also begann ich irgendwann zu suchen.

Nach ein paar Minuten fand ich es tatsächlich in der Jackentasche, die ich am Nachmittag beim Einkaufen getragen hatte.

Ich brachte es ihm.

„Siehst du? Hier ist es. Und jetzt kannst du wieder schlafen.“

Keine Chance.

Er bestand darauf, dass ich das Ding sofort öffne und das Spielzeug zusammenbaue.

Also setzte ich mich mitten in der Nacht hin, öffnete dieses gelbe Plastikei und schüttete die Einzelteile heraus.

Es war ein kleines vermenschlichtes Auto – ungefähr so, wie Jahre später die Figuren aus Pixars Cars aussehen sollten.

Ich nahm den Beipackzettel in die Hand.

Und dort stand der Name der Figur:

„Oma Charlotte“.

Meine Oma hieß Charlotte.

Ich war gerade aus The Sixth Sense gekommen, hatte auf dem Heimweg über genau diese Oma nachgedacht, mein normalerweise tief schlafender vierjähriger Sohn war mitten in der Nacht aufgewacht und hatte ausgerechnet auf einem Überraschungsei bestanden, das seit dem Nachmittag vergessen in meiner Jackentasche lag.

Und darin steckte:

Oma Charlotte.

Ich glaube nicht an Übernatürliches.

Aber bei manchen Zufällen muss man trotzdem kurz schlucken.

Kommentar verfassen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Letzte Beiträge

Lesenswerte Blogs


Alles Evolution
Alles Evolution
Evolution, Geschlechterunterschiede, Mann-Frau-Themen

genderama.blogspot.com
Die Mutter aller Männerrechtsblogs

Die Nacht der lebenden Texte
Filme, Bücher und mehr – Texte, Texte, wir wollen Texte!

Ein Kind – Zwei Welten
Ein Kind – Zwei Welten
Leben im Wechselmodell
Alles Evolution
Die Nacht der lebenden Texte
Der Beweis

Quote of the week

„There is no reason for anything but optimism.“