Oder warum man keine Gewissheit braucht, um die Welt besser zu machen. Ein Nachwort zu „Wer irren darf, lebt leichter“

Zwei Fragen

Seien wir ehrlich: Aus meinen Essays generiere ich die Podcasts mit NotebookLM, einer KI von Google. Meist in Englisch, einfach weil die KI hier gründlicher arbeitet. Bei der Folge zu „Wer irren darf, lebt leichter“ stellte mir die KI zwei Fragen.

Die erste lautete sinngemäß: Ist dieses ganze Gerede von Realitätstunneln und Modellen nicht bloß eine elegante Ausrede, um die systematische Benachteiligung von Migranten und Frauen nicht wahrhaben zu müssen?

Das ist keine Frage, sondern eine Diagnose. Sie erklärt nicht, wo ich mich irre, sondern warum ich mich angeblich irren will. Ein Gegenargument liefert sie nicht. Sie ersetzt es durch eine Psychopathologisierung: Wer anders denkt, will nur nicht sehen, was er nicht sehen will. Es ist genau die Haltung, die ich in meinem Essay beschrieben habe: am Tunnel der anderen zweifeln, am eigenen nie. Auf die Sache selbst gehe ich trotzdem ein. Denn an meinem Tunnel zweifle ich gern. Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob ein Realitätstunnel die Wahrheit abbildet, sondern ob er einem Handlungsoptionen liefert.

Interessanter ist jedoch die zweite Frage: Wenn alles nur ein Modell ist und niemand sich seiner Sache sicher sein kann, woher nimmt man dann noch die Überzeugung, gegen Unrecht zu kämpfen?

Beide Fragen hängen zusammen. Wer sich an äußere Faktoren klammert, braucht die Gewissheit, dass sie schuld sind. Wer handeln will, braucht sie nicht. Darum geht es hier.

Der blinde Fleck

Laut IZA-Studie bekommen Bewerber mit türkischem Namen 14 Prozent weniger Rückmeldungen. Ob dahinter ein rassistischer Bias steckt oder eine Risikoabwägung aus Informationsmangel, ändert an den 14 Prozent nichts. Das Modell entscheidet nicht darüber, ob es ein Problem gibt. Es entscheidet darüber, wo man den Hebel ansetzt.

Das Diskriminierungsmodell sucht ihn ausschließlich draußen. Die anderen sollen sich ändern, die Arbeitgeber, die Vermieter, die Gesellschaft. Bis dahin bleibt dem Betroffenen nur die Anklage. Das Risikomodell sucht den Hebel zuerst bei sich selbst: Was kann ich tun, damit mein Gegenüber eine andere Entscheidung trifft?

Dabei spricht die IZA-Studie nicht dafür, dass alle Arbeitgeber Rassisten sind. Mit einem guten Referenzschreiben verschwand der Nachteil. Einen Rassisten hätte das nicht überzeugt. Bei den meisten helfen mehr Informationen und eine persönliche Ebene mehr als Rassismusgeblöke.

Die Narbenstudie, die ich in „Wer irren darf, lebt leichter“ beschrieben habe, hat gezeigt, wie sehr die eigene Erwartung prägt, wie wir unser Gegenüber erleben. Meine Frau benutzt dafür in ihren Resilienztrainings ein schönes Bild: Ein Hund rennt in den Spiegelsaal von Versailles. Fürchtet er Gefahr, sieht er nur Hunde, die ihn anknurren. Kommt er schwanzwedelnd herein, kann er den ganzen Nachmittag mit Hunden spielen, die sich freuen, ihn zu sehen. Bewerbungen funktionieren leider nicht viel anders. Die eigene Erwartung zeigt sich schon im Anschreiben, im Gespräch erst recht.

Die Frage ist deshalb nicht: Woher weiß ich, ob der Arbeitgeber nicht doch ein Rassist ist? Die Fragen sind: Wie wahrscheinlich ist das wirklich? Und was hilft es dir, ihm das zu unterstellen? Die Wahrscheinlichkeit ist offensichtlich geringer, als Aktivisten es darstellen, wenn sie nur auf die 14 Prozent verweisen. Bei den meisten Arbeitgebern genügt ein gutes Referenzschreiben. Sicher, der Rassist wird dich nicht einstellen. Ob er dich einfach nicht nimmt, weil er denkt: „Boah, ist der anstrengend“, wirst du ohnehin nie erfahren. Beeinflussen kannst du nur die Risikoscheuen, und zwar indem du ihnen die Sorge nimmst, mit dir ein Risiko einzugehen.

Natürlich kann man sich darüber beklagen, dass es schwerer ist, wenn man nicht der Norm entspricht. Das gilt aber nicht nur für Menschen mit ausländischem Namen. Es gilt genauso für jemanden wie mich, der auf Bewerbungsfotos noch nie einen Schlips getragen hat und sich auch im Gespräch nicht dem Dresscode der Konzernwelt unterwirft. Das ist dann eben etwas schwerer. In „Wer irren darf, lebt leichter“ habe ich beschrieben, warum: Die Vorsicht gegenüber Fremden und Nichtkonformen ist ein Erbe unserer Evolution, und nicht einmal ein überholtes. Wer offensichtlich dazugehört, bekommt einen Vertrauensvorschuss. Wer aus dem Raster fällt, muss ihn sich erst verdienen.

Die Gefahr der aktivistischen Erzählung liegt darin, dass sie Menschen einredet, sie könnten nichts dagegen tun, abgelehnt zu werden. Das ist, als würde man einem jungen Bewerber, der ein altes Schulfoto mit Zahnlücke eingereicht hat, nach der Absage sagen: „Du Armer, der Arbeitgeber ist offensichtlich intolerant gegenüber Dental Diversity.“ Statt ihm zu sagen: „Mach ein Foto, auf dem du aussiehst, als wolltest du in sein Team.“

Und sie verspricht etwas, das sie nicht halten kann. Hundert Prozent gibt es nicht. Eine Gesellschaft, die jeden Unterschied im Ergebnis beseitigen will, muss die Freiheit abschaffen, aus der die Unterschiede entstehen. Wie das aussieht, kann man in Nordkorea besichtigen. Trotzdem klammern sich manche Aktivisten an genau dieses Versprechen. Vielleicht, weil die eine Erklärung, die sie haben, auch ihre Existenzberechtigung ist. Wenn die Zahl unter fünf Prozent rutscht, könnten die Fördergelder gestrichen werden. Und wovon soll dann der gender-studierte Anglist im 18. Semester seines Bachelorstudiums leben?

Die Penetranz der Reste

Odo Marquard hat diesen Mechanismus schon vor Jahrzehnten auf eine Formel gebracht, das Gesetz der zunehmenden Penetranz der Reste: „Je mehr Negatives aus der Wirklichkeit verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative, das übrigbleibt.“

Psychologen in Harvard haben das 2018 im Labor nachgewiesen. Die Versuchspersonen sollten blaue Punkte erkennen. Als die blauen Punkte seltener wurden, hielten sie plötzlich auch violette für blau. Bei bedrohlichen Gesichtern und unethischen Forschungsanträgen war es genauso: Wird ein Problem seltener, erweitern wir unbemerkt, was wir als Problem ansehen. Selbst dann, wenn man die Versuchspersonen vorher warnte und dafür bezahlte, sich nicht täuschen zu lassen.

Ein gutes Beispiel für die Folgen dieser Wahrnehmungsverschiebung ist die Gleichberechtigung der Frauen. Sie war in der nachgewiesenen Menschheitsgeschichte nie größer als heute. In den USA sind rund 60 Prozent aller Hochschulabsolventen Frauen. In Deutschland machen Frauen häufiger Abitur als Männer und stellen bei den Studienanfängern die Mehrheit. Sie können jeden Beruf ergreifen und jedes Amt bekleiden. Nach der Logik der Gleichstellungsrhetorik müsste man längst eine Männerquote fordern. Und trotzdem wird so getan, als gäbe es noch immer ein Patriarchat, das der Frau den Fuß in den Nacken setzt.

Selbst Madonna, die das Musikgeschäft über Jahrzehnte beherrscht hat, fühlt sich vom Patriarchat bedroht. Wie das Ausreden-Spiel dahinter funktioniert, habe ich mit Ernie, Bert und Hubers Laden in „Verschwörungstheorie Patriarchat“ durchgespielt.

Dabei ist nicht jeder Unterschied, der bleibt, das Werk des Patriarchats. In Algerien, Tunesien oder der Türkei ist ein größerer Teil der MINT-Absolventen weiblich als in Schweden oder Finnland. Wo Freiheit und Sicherheit gegeben sind und die gesellschaftlichen Hindernisse fallen, schlägt am deutlichsten die Biologie durch: das, worauf man Lust hat, was man bevorzugt und wie man sich sein Leben im Idealfall vorstellt. Diese Unterschiede lassen sich auch mit noch so viel Förderung nicht wegfördern.

Wer von Fördergeldern lebt, hat keinen Grund, den Rest jemals für klein genug zu halten. Und während der Blick auf den Rest fixiert ist, gerät aus dem Blick, wo der wirksamste Hebel tatsächlich liegt.

Türen nur für eine Seite

Die Reformen der 70er Jahre haben die Entscheidungsfreiheit der Frauen erweitert. Das war richtig. Die der Männer haben sie nicht erweitert. In „Warum Feminismuskritik heute links ist“ habe ich das die halbierte Emanzipation genannt. Mit dem Nichtehelichengesetz von 1969 wurde das Kind eines gut verdienenden Mannes plötzlich zum lukrativen Geschäft. Ein Sorgerecht gegen den Willen der Mutter bekam der Vater erst 2013. Mehr Pflichten, keine Rechte. Noch 1996 musste ich die Mutter meines ersten Sohnes heiraten, wenn ich sicher sein wollte, auch gegen ihren Willen Vater zu bleiben.

Schweden hat es anders gemacht. Dort war die Gleichberechtigung der Frau im Arbeitsleben genauso wichtig wie die Gleichberechtigung des Vaters im Familienleben. Seit 1974 gibt es Elternzeit für beide Eltern, seit 1995 reservierte Vätermonate, seit 1998 kann das Wechselmodell auch gegen den Willen eines Elternteils angeordnet werden. Das Ergebnis nach vierzig Jahren:

SchwedenDeutschland
Anteil der Väter an der Elternzeit27 % aller Elternzeittagerund 8 % aller Elterngeldmonate
Väter mit Betreuungsverantwortung nach Trennung (allein oder im Wechselmodell)54 %rund 24 %

Und jetzt kommt der Teil, den die Opfererzählung übersieht. Vergleicht man in Schweden die Löhne von Müttern mit denen kinderloser Frauen, ist der Unterschied kaum noch messbar. In Deutschland ist er bis heute deutlich. Gegen diese sogenannte Motherhood Penalty hilft keine Quote und keine Gleichstellungsbeauftragte. Die Benachteiligung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verschwindet erst, wenn Familie auch für Väter zur Selbstverständlichkeit wird.

Solange der Vater nach einer Trennung damit rechnen muss, zum Zahlvater zu werden, bleibt er in Vollzeit. Wer verlangt, Väter müssten erst einmal ohne Rechte in Vorleistung gehen, misst mit zweierlei Maß. Mit diesem Maß stünde die Hausfrauenehe heute noch im Gesetz.

Das ist der blinde Fleck. Der Aktivismus sucht die Ursache bei Arbeitgebern, Männern und Strukturen und übersieht, dass der wirksamste Hebel für die Frauen ausgerechnet bei den Vätern liegt. Statt diesen Punkt ernst zu nehmen, tut man in Deutschland so, als wären Väter, die gleiche Rechte fordern, überspitzt gesagt Nazis, die Mütter entrechten und an den Herd ketten wollen. Der Weg zur Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße, und als Einbahnstraße funktioniert er auch nicht. Warum Väter also so selten zugreifen, habe ich in „Viele Gründe, warum Väter weniger Elternzeit nehmen“ aufgeschrieben.

Spielen ohne Gewissheit

Bleibt die Frage vom Anfang: Woher nimmt man die Überzeugung, die Welt verbessern zu wollen, wenn es keine Gewissheit gibt und keine hundert Prozent?

Die Antwort liegt zwischen zwei meiner Texte. In „Der Sinn des Lebens“ habe ich geschrieben, dass der Sinn unserer Existenz im Spielen liegt, darin, das Spielfeld zu erweitern, auch wenn wir die Folgen nicht abschätzen können. In „Wer irren darf, lebt leichter“ ging es um die Realitätstunnel, durch die wir die Welt sehen. Wer den Tunnel der vermeintlich Progressiven für die reine Wahrheit hält, begrenzt sein Spielfeld auf äußere Faktoren, auf die er in einer freien Gesellschaft kaum Einfluss hat. Er sieht nur die Hebel, die sein Tunnel ihm zeigt. Und wie wirksam diese Hebel sind, sieht man an der Gleichberechtigung der Frauen: Die Quoten stehen, die Beauftragten sind da, und die Motherhood Penalty ist geblieben.

Wer Gewissheit verlangt, bevor er handelt, handelt nie. Und wer hundert Prozent verlangt, bevor er zufrieden ist, wird es nie sein. Unsicherheit ist kein Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Sie ist nur ein Grund, die Tür offen zu lassen, falls man sich geirrt hat.

Selbst wer aus falschen Gründen für eine bessere Welt kämpft, liefert den Gegenpol in einer Debatte, deren Ziel eine echte Verbesserung ist. Man muss den anderen nicht für recht halten, um ihn zu brauchen.

Die Überzeugung, die Welt verbessern zu wollen, braucht keine Gewissheit. Sie braucht nur das Wissen, wo der Hebel liegt. Und die Bereitschaft, sich zu korrigieren, wenn man ihn falsch angesetzt hat.

Wer irren darf, kann handeln. Wer recht haben muss, wartet ewig und wundert sich, wenn seine Einbahnstraße in die Sackgasse führt.

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